Leben in historischem Ambiente

Was ist der besondere Reiz alter Gemäuer? Warum wählen Menschen, die sich für vergleichbares Geld ein schickes Eigenheim bauen lassen könnten, historische Gebäude als Wohnsitz? Oftmals sind es riesige, völlig marode Kästen, die auf den ersten Blick wenig Anheimelndes an sich haben. Nicht selten stellen sich Renovierung und Umbau der teils denkmalgeschützten Industriestandorte als zeit- und nervenaufreibendes Langzeit- oder sogar Lebensprojekt heraus.

Mülheim besitzt nicht so viele Zeugen der vergangenen Industriezeit wie die Nachbarstädte. Einige schöne Beispiele gibt es aber doch, vor allem Gebäude der Leder- und Brauereiindustrie entkamen der Abrissbirne.

Lederfabrik Abel von 1864

Die ehemalige Lederfabrik Abel an der Düsseldorfer Straße in Saarn hat es Peter Wolf vor rund 15 Jahren angetan. „Eigentlich suchte ich primär ein Grundstück für unseren Audi-Standort“, so der Mülheimer Autohändler. Damals sei er aber zufällig von mehreren Leuten darauf angesprochen worden, dass sie schlecht Hotelzimmer in Mülheim bekämen.

So entstand die Idee, die große Lederfabrik, die vis à vis der letzten noch betriebenen Lederproduktionsstätte des Unternehmens Seton liegt, zum eleganten Business-Hotel mit 24 Zimmern umzubauen. Platz für das Restaurant „Eataliano“ und das Ledermuseum fand sich in dem großen Gebäude auch noch. „Ein zusätzlicher Pluspunkt, denn so können wir Veranstaltungen anbieten, die Gäste können im Restaurant essen oder eine Museumsführung buchen“, erklärt Hotelmanagerin Nicole Schifffahrt. Jetzt bestechen der Industriecharme mit teils unverputzen Ziegelmauern und liebevoll präsentierten historischen Dokumenten der 1864 erbauten Lederfabrik und die riesige Häutevermessmaschine, auf der das Frühstücksbuffet serviert wird, die internationalen Gäste.

Lederfabrik Tholl auf dem Schloßberg

Die Eigentümergemeinschaft der 16 Wohneinheiten in der ehemaligen kleinen Lederfabrik Tholl am Schloßberg 2 trifft sich zu regelmäßigen Festen. Helge Marker, seit zehn Jahren Inhaber der auf das ursprüngliche Gebäude aufgesetzten Wohnung, findet das gut.

Er musste lange auf die Fertigstellung seines lichtdurchfluteten Lofts warten. „Industriebauten haben einfach ein größeres Raumvolumen als Neubauten“, erklärt er den Vorteil. Er und seine Frau wollten keine abgeschlossenen Räume haben. Das sei am besten in alten Fabriken zu realisieren. Etwas mehr Fingerspitzengefühl beim Umbau hätte sich der Architekt allerdings doch gewünscht: „Eine originale Ziegelwand in meiner Wohnung wäre schön gewesen. Aber ehe ich reagieren konnte, war schon alles verputzt,“ bedauert Marker.

Lederfabrik Hammann von 1907

Die Lederfabrik Hammann, die als letzte Mülheimer Gerberei im Jahr 1907 in Speldorf an der Hansastraße gebaut wurde, beherbergt seit 2013 mehr als 100 alte Menschen, die im „Seniorenpark Carpe Diem“ leben, sowie die Kindertagesstätte „Fledermäuse“ mit 85 Betreuungsplätzen. In Rekordzeit wurde die Gerberei, die vor kurzem noch hochwertige Leder für Louis Vuitton fertigte, umgebaut.

Auch andere, gut erhaltene oder erneuerte und umgenutzte Gebäude gibt es in Mülheim. Heute Hotel Kocks, wurde das exponierte Gebäude an der Ruhr ehemals als Verwaltungsgebäude der Drahtseilerei Kocks genutzt. Das frühere Stadtbad beinhaltet nun großzügige Eigentumswohnungen in bester Lage.

Aber auch im wuchtigen Wasserkraftwerk Raffelberg wohnt seit vielen Jahren ein Mitarbeiter mit seiner Familie. Die Verwaltungsgebäude der ehemaligen Zeche Rosenblumendelle in Heißen werden weiterhin gewerblich genutzt. Wie das Ergebnis der Umgestaltung des Tudor-Hauses der von Johann Caspar Troost 1791 gegründeten Baumwollspinnerei wird, bleibt spannend ...