Kritik an Hermans Thesen
29.01.2008 | 16:03 Uhr 2008-01-29T16:03:00+0100Die ehemalige „Tagesschau”-Sprecherin hielt in der Erlöserkirche einen Vortrag über die Frauenrolle in der Familie und im Beruf und diskutierte danach mit ihrem Publikum. Einige Gäste verließen die Veranstaltung vorzeitig
Die deutsche Gesellschaft steht vor dem Problem der Überalterung: Die Alten werden immer älter und die Geburtenrate ist niedrig. Ist der Feminismus schuld daran, weil er die Frauen dazu ermutigt hat, sich für den Beruf und gegen die Familie zu entscheiden? Hängt der demographische Wandel damit zusammen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen nicht wertgeschätzt werden, die sich für das Leben als Hausfrauen und Mütter entscheiden? Oder ist es vielleicht doch möglich, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? Eine Meinung zu diesen Fragen und eine interessante Diskussion ließen die Ankündigung der Erlöserkirche am Sunderplatz erwarten: „Eva Herman kommt!” Spätestens, seit der NDR seine Zusammenarbeit mit Herman beendet hat und sie in der Fernsehsendung bei Johannes B. Kerner die Diskussionsrunde verlassen musste, werden ihre Thesen diskutiert und scheiden die Geister. Pfarrer Wolfgang Sickinger wollte sich ein eigenes Bild von der in die Schlagzeilen geratenen, ehemaligen „Tagesschau”-Sprecherin machen und lud sie ein zum Vortrag „Familie leben – aber wie? Ehe, Kinder, Beruf, Gesellschaft – geht alles für alle gleichzeitig?” Es ist schwer, um 19 Uhr am Montagabend noch einen Sitzplatz in der Erlöserkirche zu finden. Doch es dauert nicht lange, bis die Ersten den Vortrag wieder verlassen: „Ich weiß nicht, für wie dumm sie die Leute noch verkaufen will”, sagt ein Besucher nach dem Verlassen der Kirche. „Was sie erzählt ist einfach nur flach und platt, das ist doch kein Vortrag, sondern eine Märchenstunde”, empört er sich. Eva Herman spricht frei: Hier eine Anekdote aus ihrem Leben, dort eine wissenschaftliche Studie, die sie gelesen hat. „Sie bastelt sich alles so zusammen, wie sie es braucht – nennt keine Studie beim Namen, so dass man nichts nachprüfen kann”, kommentiert eine andere Zuhörerin. „Mir sind das zu viele Klischees und zu wenig Inhalt”, begründet sie ihr Verlassen des Vortrags. „Wir haben selber mehrere Kinder und meine Frau arbeitet – das ist sehr wohl möglich”, fügt ihr Mann hinzu. Eva Herman indes erzählt aus ihrem Leben: „Ich habe sehr gerne Karriere gemacht”, sagt sie. Aber dann habe sie sich durch die Schwangerschaft verändert: „Ich empfand plötzlich so etwas wie Empathie und habe mir die Menschen angeguckt, versucht sie zu verstehen”. Es sei wunderbar, wie sich Frauen durch die Schwangerschaft veränderten und schade, was denjenigen entgehe, die nie Kinder bekämen. Laut Herman führt „das kranke Zerrbild der Feministinnen dazu, dass alle, die sich für die Familie einsetzen, von den Linken in die rechte Ecke gedrängt werden”. Ihr TV-Auftritt bei Kerner habe ihr gezeigt, wie schwierig es sei, „etwas zu sagen, was nicht dem mainstream und der political correctness entspricht”. Es gäbe nun einmal typisch weibliche Eigenschaften: „Kinder sind von Anfang an fertig gebacken, und Mädchen spielen nun mal mit Puppen – das ist die Vorbereitung auf die spätere Mutterrolle – Jungen können damit nichts anfangen.” Ob sie wirklich der Meinung sei, Frauen sollten sich nicht beruflich verwirklichen, wird Eva Herman von einer Frau gefragt. „Denn sie scheinen ja auch immer noch sehr gerne Vorträge zu halten”. Die ehemalige TV-Moderatorin: „Ich halte höchstens einen Vortrag in der Woche und ich muss mich darauf auch nicht vorbereiten, ich habe ja die Bücher geschrieben”. Die meisten Fragen beziehen sich auf ihre negative Einstellung zum Feminismus. „Ich verstehe nicht, warum sie so gegen den Feminismus wettern. Der ist doch nicht unser Hauptproblem, es geht doch um Gerechtigkeit”, meldet sich ein Mann zu Wort.

11:57
Fairer Journalismus ist eben sehr selten geworden!!!
22:19
WAZ – Artikel : 29. Januar 2008 : „Viel Kritik an Hermans Thesen“
Sicherlich hat Frau Herman bei ihrem Vortrag am 28. Januar in der Erlöserkirche, Heißen, nicht unbedingt die Erwartung eines wissenschaftlichen Vortrages erfüllt.
Mehr assoziativ als systematisch hat sie ihre Meinung zu Themen wie Ehe und Karriere, Mutterschaft und Erziehung der Kinder an die Zuhörer weiter gegeben. Es war aber auch nicht als ein solcher angekündigt worden. Man sollte daher nicht enttäuscht oder verärgert sein.
„Viel Kritik“, so wie in der Überschrift des Artikels von Celia Spoden geschrieben, habe ich an dem Abend nicht gehört. Mag sein, dass dies im Nachherein und im persönlichen Gespräch geschehen ist, aber es gibt die Atmosphäre des Abends einfach nicht wieder.
Es kamen klärende Rückfragen. Einige wenige machten deutlich, dass sie hier und da anderer Meinung sind, aber das gehört zu einem Gesprächsabend einfach dazu.
Verwundert hat mich, dass offensichtlich dann nur diejenigen Gäste angesprochen wurden, die früher gingen. Diese kommen nun im Artikel von Frau Spoden zu Wort.
Dass diese Art der Befragung den Eindruck verzerrt, muss doch klar sein. Der Artikel macht daher auch den Eindruck, dass viele gingen. Ich selber habe nur 2 oder 3 Gäste vorzeitig den Raum verlassen gesehen. Der Kirchraum blieb aber bis zum Veranstaltungsende vollbesetzt. Sollte sie aber selber den Abend nur anfänglich miterlebt haben?
Ich erwarte von einem gut gemachten Artikel, dass er einigermaßen korrekt die Situation wiedergibt. Das habe ich bei diesem Artikel vermisst. Dies gilt im Besonderen, wenn es um ein in der Öffentlichkeit so heiss geschmiedetes Eisen geht. Man sollte da nicht durch schlecht gemachte Artikel und reißerische Überschriften die Irritation verstärken.
Die Thesen von Frau Herman zum Thema Feminismus sind sicherlich kritisch und provozierend vorgetragen. Auch ich habe mir ein wenig mehr Ausgewogenheit gerade an dieser Stelle gewünscht.
Aber die kritische Spitze zur Frage nach der derzeitigen Wahlfreiheit in der Früherziehung wurde im Artikel nun gar nicht angesprochen. Es ging um die Wahlfreiheit für eine junge Frau, die sich entscheiden soll, ob sie Karriere machen will oder Kinder bekommen kann oder wie uU beides miteinander gehen kann.
Die vorgetragene Idee, Müttern die Finanzen anzubieten, die ein Hort- oder Krippenplatz kostet, scheint mir gar nicht so irrig. Echte Wahlfreiheit wäre es uU wirklich, wenn junge Mütter wählen könnten zwischen ihrer möglichen Karriere und einem Krippenplatz für ihre Kinder auf der einen Seite und der Betreuung und Erziehung ihrer eigenen Kinder mit der Zuteilung der entsprechenden Finanzen. Auch einen echten Rentenanspruch für Mütter könnte man damit verbinden.
Ob eine solche Idee sich rechnet, müssen sicherlich Fachleute klären, aber auch ich kenne einige junge Mütter, die um ihrer Kinder willen gerne auf eine Arbeitsanstellung verzichten würden, wenn die Finanzen „gerecht“ geklärt wären und ein angemessener Rentenanspruch damit verbunden wäre.
Schade wäre es, wenn diese Art Fragen in der Polemik der Medien zum Thema „Eva Herman“ untergingen.
Nebenbei: Die von Ihnen abgedruckte Reaktion der jüdischen Gemeinde ist mir nun vollends unverständlich. Auch wenn sie in den Konjunktiv gesetzt ist, beinhaltet sie doch eine Drohung, die ich einfach nicht akzeptiere.
Helmut Venzke, Pastor
Mülheim
14:57
Offensichlich folgt der Artikel der Medien-Kampagne. Dies ist der einfachste Weg, sich mit dem Themenkreis auseinander zu setzen. Im andern Fall müsste die Redakteurin wahrscheinlich ebenfalls um ihren Job fürchten. Wesentlich ging es doch darum, dass Frauen, die sich für Kinder entscheiden und damit Nachteile in Beruf und Einkommen in Kauf nehmen, ein angemessenes Verständnis und Respekt gewährt wird.