Koproduktion mit den Ruhrfestspielen

Diese Spielzeit wird das Theater an der Ruhr mit einem besonderen Coup beschließen: Einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen. Das sorgt für zweierlei: eine größere Aufmerksamkeit und finanzielle Zuschüsse für die Produktion. Die Proben beginnen zwar erst im März, aber der Vorverkauf für die drei Vorstellungen in Recklinghausen Anfang Juni hat bereits begonnen. Noch probt das Ensemble, das in dieser Spielzeit schwer gefordert ist, unter der Regie von Jo Fabian Tschechow. Premiere von „Auf der großen Straße“ ist der 19. März.

Frank Hoffmann, Intendant der Ruhrfestspiele, hatte Roberto Ciulli eine Produktion für das diesjährige Festival angeboten, das unter dem Titel „Tête à Tête“ seinen Blick nach Frankreich richtet. Ciulli erfüllt sich einen langgehegten Wunsch und inszeniert „Rückkehr aus der Wüste“ von Bernard-Marie Koltès. Von dieser Wahl dürfte Hoffmann begeistert sein, hat er doch vor einigen Jahren selbst ein Stück des heute nur noch selten gespielten Theaterautors inszeniert.

In den 80er Jahren war er dagegen der Kultautor, der für Aufregung und Irritation, aber auch für Begeisterung sorgte und 1989 mit nur 41 Jahren an den Folgen von Aids gestorben ist. Für die einen ein Blender und Scharlatan war er für die anderen ein Genie. Als kongenialen Regisseur fand der „Moralist der Schönheit“ damals Patrice Chéreau („Jahrhundertring“), der die meisten Stücke von Koltès in Frankreich auf seiner Bühne im Theater Amandiers in Paris-Nanterre inszenierte. Dabei wirkte häufig Michel Piccoli mit. Wichtig waren für den in Metz geborenen Autor aber auch Heiner Müller, der ein Stück übersetzte, und der Regisseur Peter Stein.

„Es ist ein Autor, der zum Theater an der Ruhr passt“, sagt Roberto Ciulli. In der Gründungsphase von Ciullis Ensemble in den 80er Jahren hatte dieser seine produktive Phase, richtete sein Augenmerk auf die am Rand der Gesellschaft stehenden und verfolgte wie der Mailänder damals Ideen, die in der Theaterwelt inzwischen als postmigrantisches Theater gehandelt werden. Es ist die Abrechnung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen, aber auch eine Abrechnung mit seinem Vater, einem radikal nationalistisch gesinnten Offizier. „Rückkehr in die Wüste“ ist laut Spiegel „ein zündender handfester Theatercoup, die rhetorischen Höhenflüge sind geerdet mit einem wirkungsvollem Plot.“ Tatort ist ein französisches Provinznest in den 60er Jahren. Mathilde kehrt nach 15 Jahren Aufenthalt in Algerien nach Frankreich zurück, wo sie mit ihrem Bruder um das Erbe ringt. Tatsächlich werden aber durch dieses Brennglas der Konflikt zwischen den Kulturen, zwischen Orient und Okzident verhandelt. Darin sieht Ciulli auch die Aktualität, da die Folgen des Kolonialismus heute noch in den Pariser Vorstädten fortwirkten, wo Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung herrschen. Auch die Attentäter von Charlie Hebdo wuchsen in den Banlieues auf und radikalisierten sich erst vor einigen Jahren.

Alles nur Ironie

Im Hintergrund fast aller Stücke von Koltès leuchtet eine archaisches, sinnliches Afrika auf, „wie eine Ahnung von Rebellion und unterdrückter Wut“, wie es im Programmheft der Ruhrfestspiele heißt. Und so bezeichnet er auch Frankreich und nicht Afrika als Wüste. Das Stück ist eine überdrehte Komödie. In der Schlangengrube, wie der Familienname Serpenoise übersetzt heißt, prallen Figuren aus dem Arsenal des tragikomischen Familiendramas aufeinander.

Und ausgerechnet mit diesem Stück war es 1988 bei der deutschen Erstaufführung in Hamburg zum Eklat gekommen und die Inszenierung war auf den entschiedenen Protest des Autors gestoßen, der sich völlig verraten fühlte. „Und die Araber in diesem Stück wurden von deutschen Schauspielern gespielt, die einfach einen lächerlichen Turban tragen. Ich finde das schrecklich vulgär“, empörte sich Koltès 1988 im Spiegel. Der Autor verstörte aber wegen drastischer Sprache und Gewaltdarstellungen. „Alles, was über Männer, Frauen, über Tiere gesagt wird, ist Ironie. Theater ist ein Spaß, und genau deshalb muss Theater sehr gut gemacht werden.“ Und wie wird Ciulli die Rollen besetzen? „Da wir weder einen Afrikaner noch einen Araber im Ensemble haben, werden wir mit Gästen arbeiten.“ Damals sagte Koltès: „Ich bitte das deutsche Publikum, die Kritiker zu warten, bis ein anständiger Regisseur meine Stücke aufführt.“ Ob jetzt die Zeit gekommen ist?