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Kinder im Sport

Konkurrenzkampf von klein auf?

28.06.2012 | 17:56 Uhr
Konkurrenzkampf von klein auf?
Gewinner, Verlierer: Beim Fechten wird jeder Treffer elektronisch gemessen. Aber beim Nachwuchssport zählen auch andere Dinge.

Mülheim. Im Vereinssport bleiben nicht nur behinderte Kinder oft außen vor. Auch anderen passiert es, dass sie dauerhaft auf der Bank sitzen, vielleicht die Trainingsgruppe verlassen müssen, weil sie „zu schlecht“ sind. Damit umzugehen, ist für Familien keine leichte Übung.

„Um bei einem Verein durchzufallen, muss ein Kind nicht im medizinischen Sinne behindert sein“, erfuhr beispielsweise Stefanie Phillip aus Speldorf, die zwei fußballbegeisterte Söhne hat. „Es reicht schon ein Mangel an Talent.“ Ihre Jungs sind acht bzw. sechs Jahre alt und hätten bei einem Mülheimer Fußballclub zu Beginn ihrer Kicker-Karriere ungute Erfahrungen gemacht: Der Ältere habe seinen Trainer gebeten, dass auch der Kleine in der Bambini-Mannschaft mittrainieren dürfe, und bekam zu hören: „Du spielst doch schon schlecht! Was soll dann dein kleiner Bruder hier?“ Stefanie Phillip erinnert sich: „Da hatte ich dann zwei heulende Kinder im Auto.“

Ein Vereinswechsel folgte 2010, im jetzigen Club „geben sie sich schon viel Mühe“, der Große spielte in der (nach Leistung gestaffelten) vierten F-Jugend mit. Doch dann gab es ein Auswahltraining: In die E4 schaffte er es nicht, ob sich ein Trainer für die E5 findet? Noch unklar. Die Mutter sagt: „Mir geht es nicht darum, ob er in der E1 oder E5 spielt, sondern nur darum, ob er überhaupt noch Fußball spielen kann.“

Eine andere Sportart käme nicht in Frage: „Er liebt es. Sobald er einen Ball hat, ist er glücklich. Und ich bin froh, dass er dabei freiwillig gerne draußen ist.“ Stefanie Phillip meint: „Man könnte doch ein großes Becken bilden, wo einfach Kinder trainieren, die Spaß am Spiel haben.“

Leistungsdruck in Sportvereinen

Die Mülheimerin Gabi Flecken ist Sportwissenschaftlerin an der Uni Duisburg-Essen und Mutter von zwei Mädchen im Teenageralter. In ihrer Familie hat man den Leistungsdruck in Sportvereinen unterschiedlich erlebt. Die Töchter begannen, wie viele, im Turnverein, wo sie in der Kleinkindergruppe starteten, aber auch später „beide unabhängig von ihrem Leistungsstand gefördert wurden“.

Allerdings: Die Große turnt besser, nimmt bis heute an Wettkämpfen teil, die Kleine wechselte mit elf Jahren zum Hockey. Erfahrung der Mutter: „Hier wird wirklich nach Leistung aussortiert und es schwächeren Kindern schwer gemacht.“ Sie fragt sich auch: „Wie soll ein Kind Erfahrung sammeln, Technik und Taktik lernen, wenn es in den Spielen nie eingesetzt wird?“

Einige „grundlegende Probleme“ sieht auch der Sportwissenschaftler und -pädagoge Prof. Dr. Werner Schmidt, Mitverfasser der Deutschen Kinder- und Jugendsportberichte. Ihm liegt seit langem auch die Gesundheitsförderung durch Bewegung sehr am Herzen. Er sieht mit Sorge, „dass Kinder heutzutage viel zu früh mit dem Sport anfangen, wenn ihnen oft noch die koordinativen und motorischen Fähigkeiten fehlen.“

Große Austrittswelle bei Zehn- bis Zwölfjährigen

Das werde von Vereinen teils zu wenig berücksichtigt. „Gleichzeitig“, so Schmidt, „ gibt es schon bei den Kleinsten Meisterschaften.“Wettkämpfe. Das gelte nicht nur im Fußball, sondern auch im Schwimmen, Turnen, Kampfsport oder in der Leichtathletik. „Wenn die Leistungsorientierung zu früh beginnt, werden die weniger Sportlichen aussortiert.“ Prof. Schmidt kann dies wissenschaftlich belegen, verzeichnet eine „große Austrittswelle“ bei Zehn- bis Zwölfjährigen, „und die setzt immer früher ein“. 50 bis 80 Prozent der älteren Kinder melden sich von den Clubs ab.

„Vor allem pubertierende Jugendliche gehen dem Sport verloren“, meint auch Gabi Flecken. Ihre Mädels nicht: Die jüngere Tochter kehrte, nach der Ernüchterung im Hockey, in die Arme ihres früheren Turnvereins zurück: „Sie spielt dort Volleyball, in einer Breitensportgruppe.“ Eine Möglichkeit, den passenden Platz zu finden.

Eine weitere bewegt Prof. Schmidt und einige Mitstreiter schon länger, er nennt es den „zweiten Weg“: „Eine allgemeine spielerische Ausbildung“, ein Angebot, das mehrere Sportarten umfasst, bei dem man sich nicht spezialisieren muss. „Es wäre sinnvoller“, meint der Wissenschaftler, „wenn sich die Sportvereine hierfür zusammensetzen und nicht als Konkurrenz verstehen würden.“

Annette Lehmann



Kommentare
30.06.2012
10:17
Konkurrenzkampf von klein auf?
von Elternschaft | #5

.......der Trainer, stellt sich jetzt seine Traummannschaft zusammen, die vorher getrennt wurde, das kann man wahrscheinlich, weil man einen kleinen Posten im Vorstand hat.

29.06.2012
14:42
Konkurrenzkampf von klein auf?
von saarnerjung | #4

Als Vater von zwei Söhnen kenne ich das Thema sehr gut. Sehr oft sind es die Eltern die den Ehrzeitz auf die Kinder projezieren. Desweiteren finde ich es auch nicht gut immer über die "bösen " Vereine zu schreiben. Jeder Vater / Mutter kann sich doch selber engagieren als Trainer. Aber das will man auch nicht. Außerdem muß der Verein die Trainingszeiten haben, und Trikos wollen die Kinder auch...
Auch wenn es eine Floske ist aber " früher war vieles einfacher "

29.06.2012
12:16
Konkurrenzkampf von klein auf?
von simonedubray | #3

Grundsätzlich stimme ich dem Artikel, als auch den vorherigen Kommentaren zu.

Allerdings haben wir auch das Problem, dass es immer weniger Sportstätten gibt und auch immer weniger Übungsleiter. Dadurch müssen sich die Sportvereine entscheiden, was sie wollen.
Und da es im Sport nun mal um das Kräftemessen geht, kann man den Vereinen nicht böse sein, wenn sie sich zu einer Leistungsorientierten Auswahl entscheiden.
Zumal es ja auch um ein gewisses Prestige geht. Jeder Verein möchte sich natürlich mit sportlichen Erfolgen präsentieren.

Das Problem kann also nur gelöst werden, wenn es mehr Möglichekiten für die Vereine gibt auch Breitensportgruppen anzubieten.

1 Antwort
Konkurrenzkampf von klein auf?
von baumjohann | #3-1

Im Artikel ist von einer F4 die Rede, das heißt, es gibt vier Teams also auch genügend Trainer! Der DFB hat die Tabellen in dieser Altersklasse abgeschafft, um den Spiel und Spassfaktor zu erhöhen und den Leistungsdruck zu nehmen. Gleiches ist auch in vielen anderen Verbänden in der E-Jugend der Fall, mit guten Erfahrungen übrigens. Allerdings gibt es immer wieder Trainer, die interne Tabellen führen und sie ausdrucken. Auch die Pampersliga bedient dieses Klientel! Leistung ist ok, für den der es will, aber es muss die Möglichkeit geben, einen Teamsport auch ohne ausführen zu können. Beim o.g. Verein muss dies möglich sein, da er genügend Personal hat. Und wenn man mal schaut, welcher Verein in Mülheim 4 F-Jugenden hat, sind wir erneut bei den Richtigen...

29.06.2012
10:37
Breitensport
von baumjohann | #2

Doch, jeder hat das recht im Verein zu spielen. Eltern und Ihre Kinder sind auch Kunden und zahlen Beiträge. Kinder bereits in der F-Jugend abzuweisen, obwohl man weder nach Tabellen noch Leistung spielt, ist skandalös. Diese Trainer sind nicht qualifiziert und eine Schande für den Verein. Selbst in der E-Jugend sollte es nicht nach Leistung sondern um Spass und das Zusammenspiel in der Gruppe gehen. In der D-Jugend fangen dann die Leistungsklassen an, meines Erachtens viel zu früh, aber auch da gibt es eine Einteilung in erste, zweite und dritte Mannschaft, je nach Leistung. Wenn in der zweiten oder dritten dann weniger talentierte Spieler keinen Platz finden, sollte man das EGO vom Trainer mal prüfen, der anscheinend selbst hier ausschließlich Siege und Leistung sehen will. Ab der C-Jugend werden dann wieder händeringend die Jugendlichen gesucht, die man vorher aussortiert hat. Denn in der F, sogar bis in die E-Jugend kann man das wahre Talent noch gar nicht bei allen erkennen.

1 Antwort
Konkurrenzkampf von klein auf?
von Elternschaft | #2-1

Ich stimme ihnen voll und ganz zu!!! Es sind aber nicht nur die ehrgeizigen Trainer, sondern auch die Eltern, die keine schwächeren in der Mannschaft ihres Kindes dulden.In den unteren Mannschaften bestimmen viel die Eltern, wer spielt und wer nicht!! Dann sind da noch die Trainer, die zwar eine Trainer-Lizenz haben, denen es aber an Menschlichkeit fehlt, aber ausgerechnet diese Trainer meinen sie wären unfehlbar,wahrscheinlich weil sie einen kleinen Nebenposten im Vorstand haben oder wie ein Bundestrainer über den Fussballplatz laufen.

29.06.2012
07:38
Konkurrenzkampf von klein auf?
von saarnerjung | #1

Also wenn ich das hier lese, glaube ich dass die Zeitung ein Sommerloch füllen muß !! Das ist doch lächerlich, wir sind alle groß geworden, jeder hat seine Stärken und Schwächen. Mein Rat an die Mutter der beiden Söhne, wenn Sie Fußball spielen wollen, können sie das auch mit ihren freunden auf dem Bolzplatz. Nicht jeder kann und will im verein spielen.

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