Kleine Praxen kann es treffen
19.01.2009 | 15:18 Uhr 2009-01-19T15:18:00+0100Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein befürchtet, dass jede fünfte Arztpraxis an Rhein und Ruhr aufgrund der seit 1. Januar 2009 geltenden Honorarreform in diesem Jahr bedroht sei. Nachgefragt bei Dr. Dorothea Stimpel, KV-Vorsitzende in Mülheim.
Wie sieht die Situation der Praxen in Mülheim aus?
Stimpel: Da wir hier nicht aus dem Durchschnitt fallen, kann es in Mülheim genauso passieren. Es kann leicht kleine Praxen mit einem kleineren Patientenklientel treffen.
Erklären Sie das doch mal!
Stimpel: Das Bundesgesundheitsministerium hat die Honorarreform für dieses Jahr festgelegt; die Bundesgesundheitsministerin hat gesagt, jeder Arzt soll in Euro und Cent rechnen dürfen und auch, wieviel Geld für jeden einzelnen Patienten zur Verfügung gestellt wird. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte zu entscheiden, welche Arztgruppe wieviel Euro pro Patient im Schnitt pro Quartal bekommen soll. Das ist verschieden: Frauenärzte etwa bekommen zwischen 15 und 17 € pro Patient pro Quartal. Vorsorgeuntersuchungen werden extra honoriert. Ein allgemeinärztlich tätiger Internist bekommt im Schnitt 37,50 € pro Patient pro Quartal.
Was ist denn mit der beschlossenen Honorarsteigerung von 2,7 Mrd. Euro?
Stimpel: In NRW kommt davon überhaupt nichts an.
Woran liegt das?
Stimpel: Dieses Geld wird umverteilt. Zum Beispiel haben die Kassenärzte im Osten im Vergleich bisher wesentlich weniger verdient, als im Westen. Die machen ja dieselbe Medizin, und sie sind aufgewertet worden. Auch die Stadtstaaten Bremen, Hamburg, Berlin haben mehr Geld bekommen, so dass die Milliarden da versickern.
Praxen, die einen hohen Durchfluss von Patienten haben, könnten die Reform also besser auffangen?
Stimpel: Nur bis zu einem gewissen Anteil. Wer besonders viele Patienten hat, wird quasi dafür bestraft: Man wird verglichen mit dem Durchschnitt aller entsprechenden Praxen. Danach darf man eine bestimmte Zahl von Patienten, also 100%, haben. Wer 150% macht, der bekommt das noch voll bezahlt. Zwischen 150% und 170% kriegen Sie noch 75% für die Behandlung derjenigen, die über der bestimmten Anzahl der Patienten liegen. Wer noch weiter darüber liegt, bekommt noch 50%, und liegt man dann nochmal darüber, sind es nur noch 25%.
Ist es egal, ob der Patient am Ende oder am Beginn des Quartals kommt?
Stimpel: In den 37,50 € aus dem Beispiel ist alles drin. Ob man Sie täglich zu Hause besuchen muss, weil Sie so krank sind, dass Sie täglich Spritzen haben müssen, oder ob Sie nur einmal in die Praxis kommen – es sind immer 37,50 Euro.
Welche Ärzte oder Fachärzte sind denn von der Honorareform besonders betroffen?
Stimpel: Orthopäden sind die großen Verlierer. Sie bekommen einen ziemlich niedrigen Satz für das, was sie machen sollen. In ihrem Satz sind zum Beispiel die Röntgenleistungen enthalten. Auch Radiologen sind betroffen. Da kommt es auch immer auf die Geräteausstattung an. Das ist ja mit großem Aufwand verbunden – die können eigentlich nur überleben, indem sie große Gemeinschaften bilden.
Muss sich der Patient Sorgen machen, weggeschickt und nicht behandelt zu werden?
Stimpel: Nein. Wir Ärzte sind dazu verpflichtet. Wir arbeiten in einem Beruf, in dem wir ethisch handeln. Die Grundversorgung, also das, was ein Patient unbedingt braucht, wird so weiterlaufen. Bei Notfällen sowieso und auch, wenn eine bestimmte Therapie benötigt wird – Medikamente sind ja davon ausgenommen.
Wer einen bestimmten Arzt sucht und einen Internetanschluss hat, kann das Online-Verzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein nutzen. Zur Online-Suche sind 18 000 Kassenärzte, Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in der Datenbank aufgeführt, die in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln praktizieren: www.kvno.de/buerger/arztsuche/index.html
Worüber man als Arzt und Patient allerdings verschiedener Meinung sein kann, ist das, was nötig ist, und was schon überversorgt ist. Zum Beispiel bei Kontrolluntersuchungen, die können dann erst in drei Monaten fällig sein und nicht erst in zwei. Wir haben ja bestimmte vorgegebene Therapie-Schemata, daran halten wir uns dann. Mal eben zwischendurch den Cholesterinspiegel messen, das ist nach dieser Honorareform dann nicht mehr drin.

15:14
@ lykos
habe gestern im Fernsehen mitbekommen, dass gerade die chronisch Kranken für die Krankenkasse jetzt Boni bedeuten und dass zwischen den Hausärzten in Bayern und einer großen Krankenkasse Verträge für die Aquise von chronisch Kranken abgeschlossen wurde. Ein Schaden für den Ärzte sollte es nicht sein, denn die konnten das Budget verdoppeln
09:44
Es ist unverständlich, aber wahr, wenn solche gravierende Einschränkungen für manche Ärzte
bei der Patientenhonorierung gemacht werden. Denn dann müssen wir Patienten und besonders, die chronisch Kranke, sich gedanken machen, dass so die Ärzte (und gerade die Hausärzte) sind, die, die Zeche zahlen, denn sie werden mehrmals im Quartal besucht anhnd der chronischen Erkrankungen.