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U3-Betreuung

Kita-Leiterin fordert Eltern auf, Politikern Druck zu machen

20.11.2013 | 06:00 Uhr
Kita-Leiterin fordert Eltern auf, Politikern Druck zu machen
In Ruhe ein Buch lesen, spielen, toben, etwas Leckeres essen – und viel Zeit mit den Erzieherinnen haben: So sieht der perfekte Kindergarten-Tag aus.Foto: Dirk Bauer

Mülheim-Holthausen.  Gabriele Becker ist Leiterin des Kindergartens Arche in Mülheim. Sie hat einen Traumberuf, sagt die 52-Jährige. Doch in Zeiten von U 3 fällt ihre Bilanz ernüchternd aus. Wenn sich nicht rasch etwas ändere, gibt es Probleme. Schon jetzt seien Erzieherinnen überlastet, bleibe Bildung auf der Strecke.

U 3: Dieses Kürzel hat die Kindergartenlandschaft verändert. Es steht für „unter Dreijährige“ und meint, dass seit 2013 auch Eltern von Ein- bis Dreijährigen einen Rechtsanspruch haben auf Betreuung ihres Nachwuchses. In großer Kraftanstrengung wurden allerorten neue Plätze geschaffen – und so kamen in Mülheim auch tatsächlich alle unter, die unter kommen wollten. Das hörte sich gut an – doch besteht U 3 den Alltagstest?

Wir fragten nach bei einer, die es wissen muss: Gabriele Becker ist Erzieherin und seit zwölf Jahren Leiterin des Evangelischen Kindergartens Arche. Sie habe einen Traumberuf, sagt die 52-Jährige. Doch in Zeiten von U 3 fällt ihre Bilanz ernüchternd aus:

„Wir sind eine eher kleine Einrichtung, hatten jahrelang 40 Kinder, aufgeteilt auf zwei Gruppen. Damit sind wir gut gefahren: Wir konnten tolle Projekte umsetzen, haben mit Mülheimer Künstlern zusammengearbeitet, hatten Laptops und Mikroskope in allen Gruppen. Vieles davon ist jetzt vorbei – das macht das Team traurig und frustriert uns. Es ist einfach nicht mehr die Arbeit, die wir für sinnvoll erachten – das habe ich übrigens auch aus anderen Einrichtungen gehört.

Hauptsache: satt, sicher, sauber

Wir schaffen zwar alles noch irgendwie, aber nicht mehr mit der gleichen Qualität. Denn mittlerweile sind 44 Kinder bei uns, also zehn Prozent mehr als früher, und zwölf davon sind jünger als drei. Da besteht ein Großteil der Arbeit nur noch aus den drei berühmten S: satt, sicher, sauber.

Im nächsten Sommer haben wir schon bei 48 Kindern – das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Und es könnten noch mehr werden. Allerdings keine Dreijährigen; denn die kann ich auf lange Zeit gar nicht mehr aufnehmen.

Vor drei Jahren hatten wir uns entschieden, die Arche so umzubauen, dass wir Kinder ab zwei aufnehmen können. Zwölf Plätze sind damals finanziert worden; für die Kleinen braucht man ja extra Schlaf- und Wickelplätze. Geplant war, diese zwölf Plätze nach und nach zu belegen – aber auf alle Fälle bei 40 Kindern zu bleiben.

Krankenstand ist höher und Kollegen sind unzufriedener als früher

Zum August 2013 wollten wir acht Zwei- und acht Dreijährige aufnehmen, weil genau 16 Kinder in die Schule gekommen waren und wir eine ausgewogene Mischung haben wollten. Das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) besagt ja auch, dass man pro Gruppe eine Spanne von vier bis sechs U 3-Kindern hat.

Wir hatten also schon alle Plätze verteilt – nach der üblichen guten Zusammenarbeit mit der Stadt – und den Eltern Bescheid gegeben, da kam Ende Februar plötzlich der Erlass vom Ministerium für Familie, Jugend, Kultur und Sport. Er schrieb vor, sofort alle zwölf U 3-Plätze zu belegen. Wir hätten den älteren Kindern natürlich absagen können – aber das wollten wir nicht. Die Eltern haben sich ja darauf verlassen. So standen wir plötzlich mit 20 anstelle von 16 neuen Kindern da. Und haben bald bemerkt: Wir kommen an unsere Grenzen. Der Krankenstand ist höher und die Kollegen sind unzufriedener als früher. Sie müssen jetzt oft ihre Freizeit opfern, um zum Beispiel Bildungs-Dokumentationen zu erstellen.

„U 3 klappt nur mit deutlich mehr Personal“

Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Wir arbeiten gerne mit den Zweijährigen – doch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wir bräuchten mehr Personal und zum Teil auch anderes Personal. Für Pflegeaufgaben wie das Wickeln wären Kinderpflegerinnen bestens geeignet. Die gab es früher oft – mittlerweile aber sind sie fast alle weg, weil man ja nur noch auf Bildung setzen wollte. . . Alle Pflegerinnen mussten sich also zu Erzieherinnen weiterbilden und fehlen jetzt. Ein anderes Problem ist die Essenbetreuung. Die Kleinen brauchen eigentlich Einzelbetreuung, das ist aber schwer machbar bei zwei Vollzeit- und sechs Teilzeitkräften. Und auch die Größeren brauchen ja mal Hilfe.

Ich setze jetzt auf die Eltern. Sie müssen das Problem erkennen und sensibel werden für die Situation. Sie müssen sich wehren und von der Politik Bildung fordern. Sie müssen verlangen, dass sich die Rahmenbedingungen ändern. U 3 klappt nur mit deutlich mehr Personal.

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Kita-Leiterin fordert Eltern auf, Politikern Druck zu machen
Kita-Leiterin fordert Eltern auf, Politikern Druck zu machen
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2013-11-20 06:00
Mülheim, Kindergarten Arche, U3, Kita Sterntaler
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