Kino ist alles für mich
10.11.2009 | 20:14 Uhr 2009-11-10T20:14:00+0100
Die Geschichte einer Leidenschaft: Warum Ilse Brand noch mit 84 Jahren nicht auf ihre Arbeit im Kino verzichten will
Gerade war Ilse Brand wieder in ihrem Element: Pemierenabend in der Essener „Lichtburg”. Schon die ganze Woche hat sie sich darauf gefreut: Auf die Darsteller, den Regisseur, den Film – und die Leute. Bei einer Premiere ist das Publikum nicht nur zahlreich, sondern auch prominent. Und Ilse Brand hat wieder am Einlass gestanden – wie in den 24 Jahren zuvor. „Ich habe schon alles gesehen”, sagt sie. „Kino ist alles für mich.” Wer 84 Jahre alt ist, der muss das wissen. Die Mülheimerin ist die älteste Mitarbeiterin des Traditions-Kinos. Eine Institution: „Ach, da ist ja die Frau Lichtburg!” wird sie regelmäßig von einer Gruppe Männer begrüßt, die alle ihre Enkel sein könnten.
Ilse Brand, Jahrgang 1925, liebte früh die schönen Künste. Aus einer musikalischen Speldorfer Familie stammend – „ich bin eine echte Mölmsche” – wollte sie Tänzerin werden, an der Folkwangschule studieren. Doch die Zeiten waren nicht danach. „Es schickt sich für ein junges Mädchen nicht, halbnackt auf der Bühne herumzuspringen”, beschied sie der Familienrat.
Blieb eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin in Essen-Katernberg. Kein Kinderspiel in Kriegszeiten, als die junge Ilse unter dem Zug, der sie zur Arbeit bringen sollte, Schutz vor den Bomben suchen musste. Sie erinnert sich an ihr allererstes Kino-Erlebnis: „Jugend” mit Kristina Söderbaum: „Der Film war nicht jugendfrei, weil die Söderbaum darin ein Kind bekam.” Mit einer Freundin hatte sie einen älteren Herrn überredet, sie ins Kino – „den ,Löwenhof' in Eppinghofen” – zu bringen, indem er sie als seine Töchter ausgab. Diese Zeiten änderten sich: Später, in den 1960ern, als Ilse Brand längst in den vier Kinos an der Schloßstraße arbeitete (die sich gegenüber dem Synagogenplatz befanden): „Helga” wurde gespielt, der Kolle-Film, der die Geburt zum Thema macht: „Männer sind reihenweise umgefallen. Meine Chefin musste dauernd den Krankenwagen anrufen.”
Dann kam „Woodstock”, der Film. „Da war bei uns was los: das Kino immer rappelvoll!” Die Musik ist Ilse Brands zweite Leidenschaft: „Gespart hatten meine Freundin und ich, damit wir uns die Zugfahrt nach Friedberg leisten konnten.” Ein Autogramm wollten sie, vom King, von Elvis, der doch dort seine GI-Zeit verbrachte. Nur noch ein Meter trennte sie vom Idol – „dann haben uns seine vier Bodyguards weggedrängt, stellen Sie sich das mal vor!” Ein bisschen ärgert sie das heute noch. Aber sonst fehlt kaum ein Star in ihrer Sammlung. Zarah Leander etwa, die habe sich nicht lange bitten lassen: „Natürlich bekommen Sie von mir ein Autogramm”, habe die Diva mit ihrer rauchigen Stimme gesagt. Das war, damals, in der „Lichtburg”, und da wollte Ilse schon als Backfisch arbeiten. Angefangen hat sie dann erst mit 58 Jahren, ehrenamtlich.
Zuvor war Ilse Brand in Mülheimer Kinos beschäftigt: auf der Schloßstraße, im alten Forum. Vorführerin sollte sie damals werden, doch die Chefin erkannte ihr Talent: „Ilse, du musst unter die Leute.” Das hält sie jung und fit – bis heute: „Ich bin viel mit Studentinnen und Studenten zusammen. Da hört man kein Wort über Krankheiten – wunderbar!”
Bis heute arbeitet Ilse Brand, die früh verwitwete, im Einlass, kontrolliert die Karten einmal in der Woche. Bis heute schaut sie sich jeden Film an: „Man muss mitreden können.” (Ihr Tipp: Unbedingt „Die Päpstin” angucken!) Nur noch bei Premieren ist die (dienst-)älteste Kino-Mitarbeiterin, vor der jüngst noch Heino Ferch seinen Hut zog, abends im Dienst. Danach holt ihr Sohn sie ab. Sonst fährt sie allein mit Bus und Bahn.
„Wenn ich das Kino nicht hätte, ging es wohl mit mir bergab”, schmunzelt sie und ergänzt heiter: „Wenn alles gut geht, werde ich im Juni 85.”

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