Kinder brauchen kompetente Vorbilder

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Rainer Dollase referierte in der Ev. Familienbildungsstätte am Scharpenberg in Mülheim.  Karen Brinker hatte ihn eingeladen.
Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Rainer Dollase referierte in der Ev. Familienbildungsstätte am Scharpenberg in Mülheim. Karen Brinker hatte ihn eingeladen.
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Was wir bereits wissen
Der Bildungsforscher Prof. Rainer Dollase referierte bei einer pädagogischen Fachtagung in der Ev. Familienbildungsstätte über Erziehung in der heutigen Zeit. Amüsanter Vortrag vor 60 bis 70 Gästen.

Mülheim.. Die Kindheit hat sich verändert, Familien zerbrechen heute schneller, oft sind beide Eltern berufstätig, die Kinder werden zunehmend in Kitas betreut, die Medien spielen eine große Rolle, usw. Der Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase, der gestern bei einer pädagogischen Fachtagung in der Ev. Familienbildungsstätte referierte, fragte: Macht eine veränderte Kindheit neue Formen der Erziehung, Bildung und Betreuung notwendig? Seine „traditionelle“ Antwort verblüffte manche Zuhörer. „Wir brauchen Erwachsene, die bewusst erziehen und dabei herzlich und glaubwürdig sind.“

Das galt auch früher schon, sei aber, so Dollase, zwischenzeitlich in der Pädagogik zu wenig beachtet worden. In den letzten 20, 30 Jahren habe man zu sehr auf die Gruppenerziehung gesetzt, auf das selbstständige Lernen im Kreis von Gleichaltrigen. „Man propagierte, der Lehrer oder Erzieher müsse sich ganz zurücknehmen und überließ die Kinder zu sehr sich selbst“, meint der emeritierte Professor (71). Das sei „schlicht ein Fehler“ gewesen, wie viele wissenschaftliche Studien mittlerweile belegten.

Interaktion mit Gleichaltrigen genügt nicht

Ein Kind entwickele sich sowohl durch Selbst- wie durch Fremdprogrammierung. Es lerne vor allem von kompetenten Erwachsenen, die es als glaubwürdig einschätze. „Das Sprechen lernt ein Kita-Kind von der Erzieherin und nicht von anderen Dreijährigen“, gibt Dollase ein Beispiel. „Vormachen“, „reden und erklären“ und „ein Vorbild sein“ (auch beim Sozialverhalten) sind für ihn ganz wichtige Grundpfeiler einer guten Erziehung – in Tagesstätte, Schule und Familie.

Allerdings, so weiß der Wissenschaftler: Eltern sind heute oft beide erwerbstätig, haben mehr Stress, pflegen zudem auch mehr Eigeninteressen. „Die wirtschaftliche Entwicklung wird dazu führen, dass Kinder noch mehr in Betreuungsgruppen leben werden. Die Gruppe aber birgt auch Entwicklungsrisiken, die muss man sehen und minimieren.“ Die Interaktion mit Gleichaltrigen genüge fürs Lernen eben nicht. Und: Gruppen funktionierten auch nicht per se. In Gemeinschaften, in denen den Kindern zu viel Freiheit gegeben werde, komme es oft zu Diskriminierungen untereinander. „Den Umgang mit Sympathie und Antipathie oder Werte wie etwa Mitleid oder Anstand muss ein Erwachsener vermitteln.“ Und: Nur Aufklärung helfe gegen Cyber-Mobbing.

Eltern und Pädagogen sollten ihre Wirkung immer wieder überprüfen. In die Lehrerausbildung in NRW müsste die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Erziehende „ruhig mehr führen sollten“, mehr einfließen. Prof. Dollase weiß jedoch auch, dass Forschung zwar die Richtung vorgeben kann, dass Erziehung aber auch ihre Grenzen hat und zu einem bestimmten Prozentsatz nicht kalkulierbar ist.