Katholikin mit jüdischem Herzen berührt die Mülheimer

Schwester Johanna mit Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck, einst selbst Schüler des Gymnasiums der Ursulinen.
Schwester Johanna mit Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck, einst selbst Schüler des Gymnasiums der Ursulinen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Schwester Johanna Eichmann von den Ursulinen berichtete in der Wolfsburg von der NS-Zeit. Sie erlebte viel Leid, doch traf auch wunderbare Menschen.

Mülheim an der Ruhr.. Es gibt nur wenig Menschen, die von sich behaupten, sie seien Jude und Christ gleichermaßen. Schwester Johanna Eichmann zählt zu diesen raren Menschen. Ihre Aussage erklärt sich mit ihrer Biografie, mit der Bürde und dem Leid, das das Schicksal ihr schon in jungen Jahren auferlegte. Geboren als Ruth Eichmann 1926 in Münster, musste das jüdische Mädchen bereits als Sechsjährige von den Erwachsenen lernen: „Wenn die Nazis ans Ruder kommen, dann geht’s uns Juden schlecht.“ Sie, so erzählt Schwester Johanna Eichmann am Dienstagabend in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg, habe die Metapher wörtlich genommen und sich Bestien am Ruderblatt vorgestellt.

Dass das nicht alles sein würde, was an Übel aufzog, erfuhr Ruth, die mit ihrer Familie in Recklinghausen lebte, bald. „Ich sollte die Schreckensmeldungen nicht hören“, aber natürlich habe sie gelauscht: Onkel Paul sei über den Marktplatz getrieben worden, raunten die Erwachsenen sich zu, um den Hals das Schild „Der dreckige Jud Rosenthal“.

Die Demütigungen hatten begonnen

Die Demütigungen, die Ächtung, die Ausgrenzung hatten begonnen, und sie nahmen zu. „Kauft nicht bei Juden“, hieß es plötzlich an Türen von Geschäften jüdischer Inhaber, und vor dem Kaufhaus standen massige SA-Männer, die dem Kind Angst machten. Der jüdische Uhrmacher, den Ruth so mochte, verschwand von einem Tag auf den anderen. Der Stürmer, das Hetzblatt der Nazis, wurde nun in seinem Schaufenster ausgehängt. Mit abscheulichen Darstellungen von Männern, Frauen, Kindern, unförmige Wesen mit scheußlichen Fratzen. „So sehen Juden aus“, sollten die Passanten glauben – „aber wir sind doch auch Juden“, dachte sich die kleine Ruth, „und alle, die ich kenne, sehen ganz anders aus.“

Dass Schwester Johanna Eichmann an diesem Abend von den Schrecken der Kindheit erzählt, Passagen aus ihren biografischen Büchern vorliest, ist einem besonderen Moment geschuldet: Es ist der 27. Januar 2015, vor genau 70 Jahren wurde das Konzentrationslager ­Auschwitz befreit. An diesem Tag wird weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht und, vielleicht zum letzten Mal, den Zeugen der Zeit zugehört.

Ruth hat den Holocaust überlebt. Allerdings nicht als das jüdische Mädchen, das sie einst so gern war, sondern als ein in aller Heimlichkeit getauftes christliches Kind. Ausgerechnet die Großmutter, „eine echte jiddische Mamme“, die das religiöse Leben daheim bestimmte, machte kurz vor ihrem Tod, im Herbst 1933, den alles entscheidenden, lebensrettenden Vorschlag. „Rückblickend würde ich sagen, es war die Ahnung einer Sterbenden.“ Von jener Großmutter, Lina Rosenthal, stammt auch ein Ausspruch, den Schwester Johanna Eichmann an diesem Abend mehrfach wiederholt: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“

Die Taufe war ein Schutzschild

Die Taufe war vorübergehend ein Schutzschild gegen die unbarmherzigen Machthaber der Zeit, verhinderte die baldige Deportation, doch vor weiteren Verletzungen der Seele schützte sie nicht. Einmal Jude, immer Jude – das zumindest sah mancher Mitschüler so. Die Gemeinheiten nahmen zu, „und ich kam immer häufiger weinend nach Hause“. Weil die Angst vor der Boshaftigkeit wuchs, kam Ruth vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule die Idee, ins Internat der katholischen Ursulinen in Dorsten zu ziehen. Der Vater, als Einziger in der Familie katholisch, aber von geringem religiösen Einfluss auf seine Tochter, fragte vorsichtig nach im Kloster, ob man eventuell bereit sei, eine getaufte Halbjüdin aufzunehmen. Und die Schwestern waren es, allen voran Mater Petra Brüning, die Oberin des Konvents. Sie, so betont Schwester Johanna Eichmann, war eine enge Freundin der 1999 heiliggesprochenen Edith Stein, „und ihr Verhalten gegenüber jedem Menschen war von Hochachtung geprägt“. Die Nazihetze habe ihrer Geisteshaltung nichts anhaben können.

Von Mater Petra Brüning hörte das Mädchen auch einen Satz, der sie gewissermaßen am Leben hielt: „Die Juden sind das auserwählte Volk – und du gehörst dazu.“ Es sei unfassbar, welche Kraft ihr diese Worte gegeben hätten, sagt Schwester Johanna Eichmann. „Ich war ein Kind, das ansonsten nur zu hören bekam, ,die Juden sind schlecht, sie sind Betrüger und müssen ausgegrenzt werden‘.“ Dass sie im Selbstbewusstsein nicht verbogen worden sei, habe sie den Schwestern zu verdanken. Mit Schuleintritt 1936 war sie nicht mehr länger Außenseiterin. Das half, selbst bei Angst: „Auch die musste ich jetzt nicht mehr allein als Jüdin aushalten, sondern konnte sie mit den Katholiken teilen.“

Vom Glück, die Eltern wiederzusehen

Bis 1943 war Ruth in der Obhut der Dorstener Schwestern. Dann musste sie auf Anweisung der Nazis den Zufluchtsort verlassen. Sie war auf sich allein gestellt, machte eine Dolmetscher-Prüfung in Essen, entschied sich nach Berlin zu gehen, mitten ins Herz des Grauens. Es gelang der getauften Halbjüdin auch tatsächlich, sich mit Mut, Tatkraft, und wohl auch viel Glück, bis zum Kriegsende durchzuschlagen. Als sie heimkehrte ins Ruhrgebiet, war das Elternhaus in Recklinghausen zerstört, doch die Amerikaner hatten ihren Vater überraschend zum Oberbürgermeister in Marl gemacht. Sie fand die Eltern alsbald – das Wiedersehen war „der vielleicht glücklichste Augenblick, den wir als Familie je erlebt haben“.

Die Ursulinen, die die Jüdin zur überzeugten Katholikin werden ließen, haben sie nie mehr losgelassen: Nach dem Krieg studierte Ruth Eichmann Romanistik und Germanistik, trat ins Kloster ein, wurde zu Schwester Johanna, später zur Oberin, und leitete das Gymnasium, das sie einst besucht hatte. Das Christentum bestimmte ihr Leben, doch wurde sie auch Gründerin des Jüdischen Museums Westfalen. Bis heute, bis ins Alter von bald 89 Jahren, gilt der Satz der Großmutter: „Unser Rüthchen bleibt ein Jüdchen.“

„An Auschwitz gewöhnt man sich nicht“

Schwester Johanna Eichmann hat ihre Erinnerungen in den im Klartext-Verlag erschienenen Büchern „Du nix Jude, Du blond, Du deutsch“ und „Die Rote Johanna“ niedergeschrieben. In dem zweiten Band berichtet sie u.a. über ihren Besuch in Auschwitz im Oktober 1983 – 40 Jahre, nachdem ihr Großvater Albert Rosenthal dort ermordet worden war. Der jüdische Großvater, mit dem sie die Kindheit verbracht hatte, und der hätte rechts neben seiner Frau Lina beerdigt werden sollen; „doch die Seite des Grabs blieb frei“. Auch ihr Onkel Paul, den die Nazis über den Marktplatz gehetzt hatten, und einige Cousins wurden in Auschwitz umgebracht. Mehrmals habe sie das Vernichtungslager später noch besucht, „jedes Mal war ich betroffener, erregter“. An Auschwitz gewöhne man sich nicht. „Wer dort war, kommt nie wieder davon frei.“

Vom Grauen des Konzentrationslagers zeugen auch die Gedichte von Ilse Weber, die Sängerin Coline Hardelauf und Pianist Pascal Schweren am Dienstag auf eindringliche Art und Weise vorgetragen haben. Ilse Weber, 1903 in Tschechien geboren, war 1942 mit ihrem Mann und dem jüngeren Sohn nach Theresienstadt deportiert worden. Im Ghetto hatte sie die Gedichte verfasst, die von Unfreiheit, Leid und gequälten Menschen erzählen. Ende 1944 wurden dann auch Ilse Weber und ihr Sohn in Auschwitz ermordet.