Kaffeehausgespräch mit Theatermacher Roberto Ciulli

Zur nächsten Lesung lädt Theaterleiter Roberto Ciulli die Mülheimer am Donnerstag, 12. März, 19 Uhr, ins Café Mocca Nova am Löhberg ein.
Zur nächsten Lesung lädt Theaterleiter Roberto Ciulli die Mülheimer am Donnerstag, 12. März, 19 Uhr, ins Café Mocca Nova am Löhberg ein.
Foto: Stephan Glagla / Funke Foto Serv
Was wir bereits wissen
Regelmäßig lädt Roberto Ciulli, der Begründer des Theater an der Ruhr, in Mülheim ins Café zum Gespräch – wir sprachen mit ihm darüber.

Mülheim.. Es dürfte ein Novum in der Theaterlandschaft sein, dass ein Haus seit mehr als 30 Jahren in den Händen einer Künstlerischen Leitung liegt. Kontinuität gilt am Raffelberg auch fürs Ensemble, manche Schauspieler sind seit der Gründung des Theater an der Ruhr 1980 dabei. Wenngleich sich Roberto Ciulli aus der Geschäftsführung zurückgezogen hat, legt er mit über 80 Jahren als Theaterleiter, Regisseur und kreativer Kopf erstaunliche Frische, Kraft und Schaffensfreude an den Tag. Ein Kaffeehaus-Gespräch.

Trotz intensiver Theaterarbeit, sind Sie an vielen anderen Schauplätzen unterwegs, auch in der Innenstadt, wo sie im Mocca Nova zu Lesungen einladen. Was war die Idee?

Roberto Ciulli: Es war der von mir sehr geschätzte Bernhard Deutsch (Theaterpädagoge), der sie hatte. Seit Jahrzehnten findet zwischen ihm und jungen Menschen ein intensiver Austausch über Theater, Kunst, Politik – eigentlich über alles, was Menschen bewegt – statt. Seit langem liest er im Mocca Nova mit dem Jungen Theater und dem Publikum Theaterstücke. Als er mich fragte, ob ich mitmachen möchte, dachte ich mir: Die Idee ist entwicklungsfähig, besonders in einer Stadt wie Mülheim, die jungen Menschen wenig Gelegenheit bietet, miteinander ins Gespräch zu kommen. Zudem hat mich die Kaffeehauskultur schon immer fasziniert. Ich halte es mit Gottfried Benn: „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot.“

Sind Sie mit Mülheimern dabei ins Gespräch gekommen?

Ciulli: Am ersten Abend haben sich nur wenige Interessierte ins Café verirrt. Doch schon am zweiten Abend konnten Sie keinen freien Platz mehr finden. Wir waren überrascht. Der Abend war wunderschön – Mülheimer Bürger, die ich nie zuvor im Theater gesehen hatte, aber auch Stammgäste haben Auszüge aus Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ gelesen.

Kamen einige davon ins Theater?

Ciulli: Ja, da ich die Karten abreiße, konnte ich erfreut ein paar Leute wiedererkennen, deren Bekanntschaft ich im Café gemacht hatte. Wir haben nun vor, bei den kommenden Kaffeehausabenden nicht nur aus Theaterstücken unseres Repertoires zu lesen, sondern auch aus Werken von Autoren, die sprachlich hervorragend und inhaltlich hochspannend sind, aber kaum noch gelesen werden. Ich finde es schade, dass Stefan Zweig in der Schule nicht mehr behandelt wird. Seine Texte sind sehr aktuell, weil wir gerade große Spannungen und Gewalt, Phänomene einer Vorkriegszeit, erleben. Genau mit diesen Themen hat sich Stefan Zweig beschäftigt.

Zeichnet sich insgesamt ein Weg der Erneuerung im Theater ab? Jo Fabian legte bislang einige erfolgreiche Arbeiten mit dem Jungen Theater vor und inszeniert erstmals mit dem großen Ensemble das Tschechow-Stück „Auf der großen Straße“.

Ciulli: Wir befinden uns gerade in einer Phase, in der wir versuchen, von dem Modell eines zentralen Regisseurs, das sich über viele Jahre bewährt hat, Abstand zu nehmen. Nun möchten wir die Zusammenarbeit mit einigen Regisseuren intensivieren.

Das Tschechow-Stück ist eine Koproduktion mit „Les Theatres de la Ville de Luxembourg“. Eine große Koproduktion gibt’s mit den Ruhrfestspielen, wofür Sie das Koltés-Stück „Rückkehr in die Wüste“ inszenieren. Welche Rolle spielen Koproduktionen?

Ciulli: Es ist ein sinnvoller wechselseitiger Austausch. Die Festspiele haben das Geld und die Theater bieten dafür ihre Kunst. Für Festivals ist der Erfolg bei Zuschauern und Kritikern enorm wichtig. Über das Vertrauen und die Wertschätzung, die uns die Ruhrfestspiele Recklinghausen entgegenbringen, freue ich mich sehr. Es ist nicht einfach, dort einen Auftrag für eine Koproduktion zu bekommen.

In Zeiten allgemeiner Finanznot kämpfen Kultureinrichtungen ums Überleben. Wie wichtig ist die Ökonomie fürs Theater?

Ciulli: Sie ist keineswegs unwichtig. Wenngleich wir das Schwergewicht auf die künstlerische Arbeit legen, ist es die Basis unseres Erfolgs, dass dieses Haus seit Jahrzehnten ökonomisch sehr gut geführt ist. Das geht immer ein bisschen unter, aber das ist für ein Haus, das mit öffentlichem Geld gefördert wird, eine maßgebliche Voraussetzung.

Wie sieht Ihr Tag im Theater an der Ruhr aus?

Ciulli: Es ist ein erfüllter Tag. Morgens rennen die Kleinen durchs Haus, die sich die von Maria Neumann gespielten Märchen anschauen. Wenn ich von meinen eigenen Proben zurückkomme, treffe ich Schüler, die das, was sie im Unterricht gelesen haben, nun auf der Bühne erleben können. Und abends begegne ich vor den Aufführungen der mittleren und älteren Generation. Für ein Haus mit so wenigen Mitarbeitern ist es schon eine Leistung, so viele Menschen erreichen zu können.