Junge Politik für die Stadt

Neun Jahre ist es alt und doch ist das Gremium vielen Jugendlichen unbekannt. Ist das Ausdruck eines mangelndes politischen Interesses, liegt es an der Vorstellung, sowieso nichts ändern zu können, oder hat die eingespannte Jugend in Zeiten von G 8 das Gremium einfach nicht auf dem Schirm? Bislang waren die Wahlergebnisse ernüchternd. Mal kamen nicht ausreichend viele Kandidaten zusammen und die Wahlbeteiligung ist auch bescheiden: vor zwei Jahren gingen nur gut 1000 der knapp 13000 Wahlberechtigten an die Wahlurne – eine Wahlbeteiligung von nicht mal acht Prozent. Heute beginnt die Wahl des Jugendstadtrats. Alle im 14- bis 21-Jährigen sind wahlberechtigt. 24 Jugendliche kandidieren für 18 Sitze - die Chance, in das Jugendparlament einzuziehen, ist also recht hoch. Wir haben mit vier Kandidaten gesprochen.

Er ist fast schon ein Profi: Als Kevin Florian Pelz der Anruf der Redaktion erreicht, ist er im Stress. Und zwar wegen des Wahlkampfs. Zwei Termine noch, dann rufe er zurück. Und der 18-Jährige weiß sich auch in Szene zu setzen: Posiert er doch auf seinem Wahlfoto, selbstbewusst die Arme verschränkt, vor einem Bild der Ruhrpromenade, im Hintergrund der Rathausturm. Schon jetzt sitzt Pelz, der die Willy-Brandt-Gesamtschule besucht, in dem Gremium. Sein Ziel:„alte, verkrustete Strukturen aufbrechen und dafür sorgen, dass Jugendlich eine vernehmbarere Stimme bekommen“. Auch den öffentlichen Personennahverkehr möchte er verbessern, da dieser gerade von jungen Leute stark genutzt werde. Er war schon immer „ein politischer Mensch“ und glaubt, dass Politik für jeden interessant sein sollte, auch für Jugendliche. „Viele junge Leute blicken in der Politik nicht durch und finden sie deswegen automatisch schlecht“, glaubt er und möchte andere Jugendlich mitreißen.

Auf einen solchen Effekt hofft auch Anastasia Bakum. Die 15-Jährige kommt aus einer politischen Familie, ihr Bruder Rodion sitzt für die SPD im Stadtrat. Aber auch schon davor wurde bei ihr zuhause gerne diskutiert - am Frühstückstisch, beim Mittagessen, bei der Zeitungslektüre, vorm Fernseher. Politik ist für die 15-Jährige nichts Abstraktes, kein bloßes Schulfach, wie wohl viele ihrer Altersgenossen denken. Politische Fragen entstehen, so ist sie sich sicher, mitten im Leben. Deswegen ist ein wichtiges Ziel für sie, den Jugendstadtrat bekannter zu machen. Denn sie ist überzeugt, dass man positive Erfahrung macht, wenn man sich engagiert. Sie selbst hat ein eher ernüchterendes Erlebnis gehabt: „Bei uns am Gymnasium Broich gab es einmal eine Informationsveranstaltung zu dem Thema, ich durfte aber nicht teilnehmen, weil ich noch nicht in der Oberstufe war.“ Wie man Interessierte ausschließen kann, ist für sie nicht nachvollziehbar. Mit 15 ist sie eine der jüngsten Kandidaten. „Ich sehe das als Vorteil. Denn ich habe in den nächsten zwei Jahren wirklich Zeit, mich um die Arbeit im JSR zu kümmern. Das Abitur steht ja erst danach an.“ Ihre Hobbys will sie allerdings auch nicht vernachlässigen: Geige und Ballett.

Selim Furgan Arslan ist bereits seit zwei Jahren bei den Jusos aktiv, zu denen er über einen Freund gekommen war. Er hat den Schulabschluss bald hinter sich und kann „dann mehr Zeit für die Politik investieren“. Er möchte an einer jugendgerechten Entwicklung der Stadt mitwirken: Mehr spezielle Angebote - von Kultur über Sport bis Bildung. Die Arbeit in der Partei macht ihm viel Spaß und er hat dort viele Kontakte und Freundschaften geknüpft. „Politik trennt nicht nur, sie verbinde auch.“

Schon seit seiner Kindheit ist Jörg Deters an Politik interessiert. Der 16-Jährige möchte etwas verändern. Besonders im sportlichen Bereich. Er will für bessere öffentliche Turnhallen und Sportplätze eintreten. Auch für eine Verbesserung des Schulessens will er sich einsetzen. Die meisten Cafeterien in Schulen ließen zu wünschen übrig. Er ist Mitglied der Jungen Union, der Jugendorganisation der CDU. An seiner Schule, der Otto-Pankok-Schule, habe er breite Zustimmung für seine Ziele bekommen. Deters ist sich sicher, dass er mit den Stimmen seiner Mitschüler rechnen kann.

Im nächsten Jahr feiert der JSR sein Zehnjähriges. Schon viele Jugendliche sind mit großen Erwartungen dort gestartet. Einige sahen das Gremium als Sprungbrett für ihre politische Karriere. Ob sich die Hoffnungen von Kevin, Selim, Jörg und Anastasia erfüllen, wird sich erst in den nächsten zwei Jahren zeigen. Ob sie den Sprung in den JSR geschafft haben, wird sich am Samstag,13. Juni, um 18 Uhr erweisen. Dann verkündet Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld im Rathaus-Foyer das Endergebnis.