Jugendstück thematisiert das „Abhauen und Ankommen“

Beim Theaterprojekt „Abhauen oder Ankommen“ nehmen Schüler verschiedener Schulen teil, gefördert vom Bund und der Initiative: „Kultur macht stark.
Beim Theaterprojekt „Abhauen oder Ankommen“ nehmen Schüler verschiedener Schulen teil, gefördert vom Bund und der Initiative: „Kultur macht stark.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Das „Realtheater“ bringt ein hochaktuelles Thema über Jugendliche auf die Bühne. Möglich macht das die Kooperation des lokalen Bündnisses für Bildung.

Stadtgebiet.. „Die einen hauen ab, weil sie sich langweilen, die anderen hauen ab, weil sie müssen, weil sie um ihr Leben fürchten“, bringt Autorin Martina Krall das Thema ihres Stücks „Abhauen oder Ankommen“, das sie für ganz unterschiedliche Jugendliche geschrieben hat, auf den Punkt.

Mehr als 30 Kinder und Jugendliche nehmen teil, von der Luisenschule, von Gymnasium und Realschule Broich, Grundschüler aus Rapper-AGs der Styrumer Brüder Grimm Schule und der Duisburger Mozartschule sowie fast alle Schüler der Internationalen Klasse von Helga Frohn-Heinl des Berufskollegs Stadtmitte.

Jugendliche sehen keine Perspektive

Also ein bunt gemischtes Ensemble, geführt durch ein Team, das seit 2009 immer wieder zusammen arbeitet: Theaterpädagoge Frieder Saar vom Kulturbetrieb, Diplom-Pädagogin Ina Leyendecker (Inszenierung, Bühnenbild) und Projektleiterin Martina Krall. Hannah Mattis, Schülerin des Gymnasiums Broich, hat für das Stück fantasievolle Kostüme genäht.

In dem Jugendtheater-Stück verlassen vier Jugendliche ihre Heimatstadt, weil sie sich langweilen, weil ihnen ihre Perspektive nicht ausreicht. „Es ist so öde hier“, entspinnt sich die Idee zum Abhauen in einer Shisha-Bar. „Mein Plan ist: Etwas Besseres als das Nichts finde ich überall!“, so einer der Jungen.

Sie ahnen nicht, dass sie sich bereits im Fadenkreuz einer Art „Götterwelt“ befinden. Dafür bemüht die Autorin Martina Krall die Hauffsche Märchenwelt mit „Kashnur“, einem Zauberer und Intriganten, der Mutter „Fantasie“, der Tochter „Märchen“ und belehnt mit der fiesen Muhme „Mode“ sogar die reale Person Heidi Klum – eine für viele Mädchen vielleicht moderne Halbgöttin.

Man ist sich untereinander nicht grün

Untereinander ist man sich nicht grün und mit ihrer Außenwirkung ist es auch nicht mehr weit her. Um diesem Übel abzuhelfen, verlassen sie, griechischen Göttern gleich, ihren erhöhten Aufenthaltsort und greifen in das Schicksal der Menschen ein. Sie bieten den gelangweilten Jugendlichen die Gelegenheit zur Verwandlung – in die Tiere der Bremer Stadtmusikanten. Was die jungen Leute nicht ernst nehmen: Wenn sie in ihrer neuen Gestalt lachen, können sie sich nicht zurückverwandeln . . .

Während des abenteuerlichen Spiels über Flucht und Verwandlung, Einsicht und Entscheidung treffen Esel, Hund, Katze und Hahn auf etliche andere Leute, wie auf junge Flüchtlinge, die ihre Odyssee, ihre Gründe für den Aufbruch spielen. Dieses Spiel wird während der Aufführung über einen Film eingespielt. Bei ihnen heißt es: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“, denn bei ihrem Aufbruch geht es nicht um Langeweile, sondern ihre Existenz.

Begeisterung ist während der Proben spürbar

Der junge Afghane Vinod Katyal aus der Internationalen Klasse des Berufskollegs spielt zum ersten Mal Theater. Seit zehn Monaten ist Vinod in Deutschland, und bringt, wie viele seiner Mitschüler, die Erfahrungen seiner Flucht ins Spiel mit ein. „Das ist sehr interessant. Ich habe zum ersten Mal im Leben gespielt“, erklärt er in nahezu perfektem Deutsch. Seine Flucht sei nicht so dramatisch gewesen wie die der Mitschüler aus Eritrea, deren Erlebnisse in dem Stück verarbeitet worden seien, erklärt Helga Frohn-Heinl. Seit vielen Jahren gebe es Theaterprojekte mit dem Kulturbetrieb, so die Lehrerin: „Das war von Anfang an für unsere Schüler eine tolle Sache.“

Die Begeisterung ist auch bei den deutschen Schülern während der Proben zu spüren. Obwohl der Text noch nicht hundertprozentig sitzt, agieren sie völlig souverän in ihren Rollen. Der Zuschauer spürt, sie sind in ihrer Welt, in ihrer Zeit, sie können sich mit dem Stück identifizieren.