Jubiläum: 25 Jahre Kultur im Krankenhaus

Stadtmitte..  Kultur, dazu gehören Musik, Theater, Lyrik oder bildende Kunst, bereichert das Leben vieler Menschen. Kultur fördert Kommunikation, Entspannung oder bereitet einfach nur Vergnügen. Im Evangelischen Krankenhaus Mülheim (EKM) gelingt das bereits seit einem Vierteljahrhundert.

Die Initialzündung für ein „hauseigenes“ Theater gab der Sohn des damaligen Stiftungsdirektors Volkmar Spira, André, heute Oberarzt am EKM. Der hatte im Kurs seines Lehrers Dr. Heribert Lochthove Spaß am Theaterspiel gefunden und ließ seinem Vater, der eine „Theatervergangenheit“ als Spielleiter besaß, nicht eher Ruhe bis er einwilligte, eine Theatergruppe am EKM zu gründen. So fand sich rasch das erste Ensemble. Im „Studio 1“ in der Backstein Schule, die dem Theater seinen Namen gab, wurde eine Proben-Bühne gebaut. 1991 folgte die Premiere mit „Elemente des Spiels“. Zugleich stellte Stiftungsdirektor Volkmar Spira die studierte Kirchenmusikerin Petra Stahringer ein, die engagiert ihre Arbeit als Leiterin der Musikwerkstatt aufnahm.

Die Kulturarbeit im Krankenhaus ist, so Spira, Teil eines ganzheitlichen Gesundheits-Konzeptes und erfreut sowohl Besucher als auch Kranke. „Als ich 1969 im Krankenhaus meine Arbeit aufgenommen habe, habe ich den Betrieb als ganz abgeschlossen, wie hinter Klostermauern erlebt“, erinnert sich Spira. Das wollte er ändern. „Unsere Patienten sollten sich nicht mehr isoliert fühlen, und durch die Kulturarbeit holten wir andere Menschen ins Haus“, so Spira. Die Finanzierung des Bildungs- und Kulturbereichs ermöglichte Spira durch einen neuen Gesundheits- und Hotellerie-Service, die Kasinobetriebe.

Jedes Jahr findet seither eine Premiere statt. Mehr als 3000 Besucher sehen jeweils die Aufführungen im Großen Kasino, Haus D. Seit 2008 bringen Dr. Heribert Lochthove und Michael Bohn im jährlichen Wechsel ein leichtes, komödiantisches Stück auf die Bühne, Tragödien werden aus Prinzip nicht inszeniert.

Große Anerkennung erfuhr das Backstein Theater bereits nach fünf Jahren durch die UNESCO-Auszeichnung für „vorbildliche Kulturarbeit im Krankenhaus“. „Damit einher ging der Auftrag, ein Kultur-Netzwerk mit anderen Krankenhäusern ins Leben zu rufen“, so der heutige Leiter der Großen Bühne, Michael Bohn. Doch das Mülheimer Vorbild sei, seines Wissen nach, nirgendwo anders umgesetzt worden. Angegliedert an die Große Bühne ist seit 2012 die Junge Bühne mit einem Theaterworkshop-Angebot für Jugendliche und Kinder.

Als Michael Bohn, selber von Anfang als Schauspieler im Ensemble aktiv, 2008 die Leitung der Großen Bühne übernahm, rief Volkmar Spira die Kleine Bühne ins Leben. „Wir haben damit ein neues Theater-Format entwickelt“, so Spira zufrieden, „die gespielte Rezitation“. Das Rezitationstheater, Einakter und Kleinkunst werden seither von 15 Akteuren nicht nur auf der Bühne der Alten Villa, Schulstraße 10, aufgeführt. „Wir sind mobil und treten vor bis zu 100 Personen mit unseren Programmen mit großem Erfolg auch in Kirchengemeinden, Altenheimen, Kulturzentren oder bei privaten Trägern auf,“ so der 76-jährige Spira.

Beitrag zum Gesundwerden

Die Musischen Werkstätten bringen Musik von Volksliedern, Klassik oder Jazz zu den Patienten, auf Wunsch sogar bis ans Krankenbett. Offene Singabende zum Mitmachen und Zuhören, Konzerte im Foyer der Augenklinik (wegen der guten Akustik), im Kleinen Kasino oder zur musikalischen Untermalung während des von den Grünen Damen auf der Station veranstalteten „Café Auszeit“ sorgen für Freude bei den Patienten. „Unser Programm liefert einen Beitrag zum Gesundwerden und Gesundbleiben“, so Petra Stahringer. Die Musikerin berichtet von Entspannung bei zuvor skeptischen Schmerzpatienten, die sie mit einem besonderen musikalischen Angebot unterstützt. Mitstreiterinnen für das vielseitige Programm hat sie gefunden in der Musikpädagogin Ulrike Dommer sowie der Rhythmus-Pädagogin Bärbel Bucke.

„Mit Musik und Theater erreichen wir immer wieder auch Menschen, die im Alltag wenig Zugang zur Kultur haben“, so Spira. Er erinnert sich gerne an eine alte Dame, die ihm nach einem Theaterstück anvertraute: „Nun bin ich 81 Jahre alt und muss erst ins Krankenhaus gehen, um nach 20 Jahren endlich wieder einmal ins Theater zu kommen.“ Auch Mitarbeiter werden in die Kulturarbeit einbezogen. Zur Krankenhaus-Ausbildung gehören seit einigen Jahren Theaterworkshops. „Nach dem dort Erlernten sind die jungen Menschen selbstbewusster und das merkt man am Umgang mit den Patienten und im Team“, so Michael Bohn.

Zudem hat auch die bildende Kunst in den vergangenen 25 Jahren immer wieder im Rahmen von Ausstellungen einen Platz im EKM bekommen. „Da sind gerade Überlegungen im Gange, diesen Bereich auszubauen“, so die Kulturschaffenden.

Die Kulturarbeit mit rund 300 Veranstaltungen im Jahr und bis zu 180 Aktiven, die meisten im ehrenamtlichen Engagement, wird mittlerweile über Stiftungsmittel getragen. Aber ohne Spenden der Besucher für die grundsätzlich eintrittsfreien Theater- und Musikveranstaltungen sowie der Förderer sei die Arbeit in diesem Maße nicht umsetzbar. „Spenden tragen unsere Kulturarbeit mit“, betont Volkmar Spira. So werde es im September eine großen Jubiläumsfeier geben, mit ganz besonderen Kostproben der Kulturarbeit.

Volkmar Spira bringt es auf den Punkt: „Wir ergänzen das medizinisch-pflegerische Leistungsspektrum um kulturelle und therapeutische Angebote aus den Bereichen darstellende Kunst und Musik. Durch diese Angebote zum Mitmachen, Zuschauen und Zuhören wollen wir Patienten, aber auch alle anderen Menschen in ihrer Ganzheit mit Körper, Geist und Seele ansprechen und so das Krankenhaus für alle als Kultur- und Begegnungsstätte öffnen.“