Das aktuelle Wetter Mülheim 8°C
Kirchenmusik

Jahrhundert-Ereignis

21.04.2008 | 17:02 Uhr

Burger führt von Brahms zu Bungert. Dessen „Mysterium” wurde vor 94 Jahren zum letzten Mal aufgeführt. In der Petrikirche forderte das große Werk Chor, Solisten und Musikern eine großartige Leistung ab

Wie geht man ein Werk an, das seit 94 Jahren „unerhört” blieb, das vor 100 Jahren geschrieben wurde, das durchaus sperrig ist mit seinen geschichteten Dreiklängen, mit seinen wechselnden Tonarten? Einem Oratorium, das ausladend und anspruchsvoll daher kommt, das progressive Strömungen aufnimmt und dennoch tief verankert in musikalischer Tradition bleibt? Nun, mit Hingabe. Und mit Erfolg. Kantorei und Vokalensemble der Petrikirche, die Neue Philharmonie Duisburg und fünf Solisten nahmen sich unter Leitung Gijs Burgers August Bungerts „Mysterium” an – angesichts der Werkgeschichte ein Jahrhundertereignis.Das Ergebnis war ein großer Musikabend in der Petrikirche, einer von der Sorte, die lange nachhallen. Und die allein hoch ambitionierte Ak-teure und ein Förderkreis für Kirchenmusik ermöglichen. Bungert, den gebürtigen Mülheimer, zum Stadtjubiläum aus der Vergessenheit zu reißen, lag nahe. Den Konzertabend mit Brahms Schicksalslied, einer Hölderlin-Vertonung, zu eröffnen, ebenso. Das 1871 für Chor und Orchester geschriebene Werk zeichnet ein dramatisches Bild menschlicher Ungewissheit – und führte logisch zu Bungert hin. Schon bei Brahms zeigte sich der Chor stimmgewaltig und exakt dramatisch im anspruchsvollen Allegro, während die Duisburger bewiesen, dass sie auch ohne großen Antrieb musikalisch präzise auf den Punkt kommen. Bungert hat sein Mysterium nach Hiob geschaffen, jener biblischen Figur, die trotz ihrer Güte von Gott mit schrecklichen Leiden gestraft wird. Mit „Warum?”, „Woher, Wohin” und „Erkenntnis” sind die Teile des Oratoriums betitelt, das bei Bungert ein Weg zur Erlösung ist – auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Dr. Christoph Hust promovierte über Bungert und führte in dessen Schlüsselwerk ein: Komponierte Mystik, „verschlungen in ein Gewirr theologischer und philosophischer Theorie”, letztlich „berstend vor Ambitionen” und geschaffen von einem Menschen, „der nicht weniger als die Welt und das Leben erklären wollte”. Eine gehörige Last, die Bungert dem Mysterium auflud und mit der er sich aus Sicht zeitgenössischer Kritiker durchaus verhob. Was so Wort-durchdrungen daher kommt, hört sich 100 Jahre später in Burgers Interpretation vor allem musikalisch interessant und spannend an. „Unerhört” eben. Bestens disponiert und herausragend im Gesamtkunstwerk: Bariton Thomas Laske als „Leidtragender” und Sopranistin Sonja Mäsing. Die Wucht des Werks zeigte Wirkung. Der Beifall der rund 300 Besucher klang nach verhalten kurzer Besinnungspause wie befreit.

Jörn Stender



Kommentare
22.04.2008
14:07
Jahrhundert-Ereignis
von Jacques de Coo | #1

Sicher eine großartige Leistung! Und mit Erfolg! Schade daß es leider einmalig war. Das Werk von Bungert verdient mehr Interesse.

Aus dem Ressort
Mülheimer Presta-Werk bekommt von Thyssen-Krupp eine Chance
Industrie
Thyssen-Krupp will dem Presta-Werk in Mülheim „eine faire Chance“ geben, im konzerninternen Ringen um Aufträge weiter mitzuwirken. Um eine Zukunft zu haben, müsse der Standort, der aktuell 350 Mitarbeiter hat, aber wirtschaftlicher werden. Die Zukunft des Werkes hing zuletzt am seidenen Faden.
Archäologen fanden in Saarn nichts Dramatisches
Bauprojekt
Der LVR vermutete auf dem Grundstück an der Klosterstraße in Mülheim Überreste alter Klosteranlagen. Stattdessen legten Archäologen bei Grabungen ein altes Kellergewölbe frei. Ein wichtiger Schritt, um ein alternatives Wohnprojekt umzusetzen.
Im 40. Jahr - Krisenhilfe am Telefon
Soziales
Die Telefonseelsorge feiert ihren runden Geburtstag in der Kath. Akademie „Die Wolfsburg“. In Mülheim werden auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter ausgebildet. Bei der Telefonseelsorge verzeichnen die Mitarbeiter von Jahr zu Jahr mehr Anrufe. 24 000waren es in 2013.
Stadt Mülheim plant neuen festen Blitzer
Radar
Die neue Überwachungsanlage soll am Straßenverlauf von Konrad-Adenauer-Brücke zum Tourainer Ring stehen. Rotlicht-Überfahrten häufen sich hier. Mülheimer Ordnungsamt will in Zukunft weitere stationäre Verkehrskon­trollen durchführen.
Mülheims Akademie am Fluss erhält offizielle Absage
Sparkassen-Akademie
Mülheims Bewerbung um die Ansiedlung der Sparkassen-Akademie NRW auf dem erweiterten Ruhrbania-Baufeld 4 hat die offizielle Absage der Wettbewerbsjury erreicht. Doch auch die dritte Bewerbung erhält von der Jury gute Noten. Die Areale von VHS und Kaufhof sind weiter im Rennen.
Umfrage zur VHS
Eine der großen politischen Debatten im Herbst wird sich um die Zukunft der Volkshochschule drehen. Wie soll es mit der maroden VHS weitergehen?

Eine der großen politischen Debatten im Herbst wird sich um die Zukunft der Volkshochschule drehen. Wie soll es mit der maroden VHS weitergehen?

 
Fotos und Videos
Rockerkrieg in NRW
Bildgalerie
Bilderchronik
Ferientipps im Herbst
Bildgalerie
Herbstferien
Night for Masters
Bildgalerie
Voll auffe Omme