Irgendwann ist der Spaß vorbei
08.06.2009 | 01:30 Uhr 2009-06-08T01:30:00+0200
Die Guttempler bieten Hilfe in der Gruppe. Die setzt auf Freiwilligkeit. Meist kommen Männer ab 40 zu den Treffen.
Das Problem ist, zuzugeben, dass man ein Problem hat. Lange dauert das oft, weil man nicht sehen will, was die anderen sehen. Erst, wenn der Körper nicht mehr kann, wenn plötzlich Tage im Alkoholnebel verschwunden sind, kommt oft die Einsicht. Das zumindest erlebt Udo Hölzner immer wieder bei den Gruppentreffen der Guttempler. Und er erlebte es selbst.
Udo Hölzner sagt es gerade heraus und deutlich: „Ich habe früher ja selber gesoffen.” Offensiv geht er damit um. Er selbst nennt es „ehrlich”, wenn er zugibt, „dass ich mit Alkohol nicht umgehen kann”. Dass aus einem Glas schnell unzählige wurden. Dass früher feiern bedeutete betrunken zu sein. Dass vieles besser erschien, wenn man es verschwommen wahrnahm. Doch: „Irgendwann ist der Spaß vorbei.” Aber, wie heißt es noch: Man kann auch ohne Spaß Alkohol haben.
Heute ist Udo Hölzner trocken und Sprecher der Mülheimer Guttempler, weil er „offen darüber redet, was viele Alkoholiker runterschweigen. Obwohl. Heute sagt man ja Alkoholkranker.” Und eigentlich ist ihm das sehr recht, weil Alkoholsucht eine Krankheit ist: „eine psychische Erkrankung”. Die trifft laut Klischee aber vor allem „Penner und Asoziale”. Dabei, weiß der Guttempler, „tauchen Akademiker in der Statistik ganz oben auf”.
Dem Bild des Säufers, ob nun studiert oder nicht, will aber generell keiner entsprechen, zeichnet sich das doch fehlende Selbstbeherrschung aus, durch Maßlosigkeit – immerhin trinken die meisten und nicht alle zu viel. Eben das ist für Udo Hölzner Teil des Problems, denn Alkohol ist Alltag: „In den 60ern gehörte zu jedem Schrank eine Schrankbar.” Diese Möbelausstattung ist heute aus der Mode gekommen, doch das Grundsätzliche blieb: „Wenn man jemanden besucht, ist der erste Satz ,Was willst du trinken?' und die Leute meinen nicht Cola oder Kaffee.” Wann aus Trinken Saufen wird, mag Udo Hölzner nicht pauschalisieren: „Bei riskantem Alkoholkonsum geht es um die Frage, was kann die Leber pro Tag abbauen. Da sind zwei Flaschen Bier pro Tag schon zu viel.” Rund zehn Prozent der Deutschen, so die statistischen Schätzungen, haben einen kritischen Alkoholkonsum. Dennoch mache selten der Körper schlapp: „Viele landen in der Psychiatrie.” Weil Alkohol Gehirn und Nerven angreift, weil Abhängigkeit nicht rein körperlich, sondern auch psychisch ist. „Wenn ich nicht zwei oder drei Tage ohne Alkohol sein kann oder wenn ich mich besser fühle, wenn ich einen Schluck Alkohol trinke”, dann ist das ein Zeichen für Sucht.
Doch die muss man auch richtig deuten wollen. „Wenn ich mich nicht verändern will, bringt eine Therapie nichts”, sagt Udo Hölzner und erklärt damit, warum die Guttempler auf Freiwilligkeit setzen. Rund 30 bis 40 Menschen kommen zu den Gesprächsabenden, zwei Drittel von ihnen sind Männer, die meisten über 40. Die Guttempler ist eine von 26 Suchtgruppen in Sachen Alkohol, die es in Mülheim gibt. Insgesamt, glaubt Hölzner, nutzen rund 200 Mülheimer die verschiedenen Angebote.
„Wir sprechen über Probleme”, erklärt Udo Hölzner das Guttempler-Konzept. „Anders als bei anderen Gruppen geht es bei uns nicht so anonym zu, wir kennen mehr als nur den Vornamen. Aber natürlich tragen wir nichts nach außen. Und auch Partner und Angehörige sind willkommen.” Dabei sind es gerade die, die Alkoholkranke ausschließen möchten, weil sie sich schämen. „Viele sagen, dass die Frau oder auch der Chef nichts erfahren soll. Aber... meistens wissen die das eh schon.” Denn die anderen sehen, was man selbst lieber übersieht.
Treffen und Telefonaktion
Die Mülheimer Guttempler treffen sich immer montags ab 18 Uhr im DRK-Seniorenheim, Prinzeß-Luise-Straße 115.
Nähere Informationen bietet zudem die Internetseite: www.guttempler-muelheim.de.
Am Dienstag, 9. Juni, sitzt Udo Hölzner in der Lokalredaktion am WAZ-Telefon. Unter der Rufnummer 44 308 33 ist er von 15.30 bis 17 Uhr Ansprechpartner zu Fragen rund um die Alkoholsucht.

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