In Tours herrscht Angst vor den Folgen des Attentats

Die Solidarität mit den Opfern des Anschlags in Frankreich ist groß.
Die Solidarität mit den Opfern des Anschlags in Frankreich ist groß.
Foto: imago/CommonLens
Was wir bereits wissen
Gastbeitrag: Eliane Lebret aus Mülheims Partnerstadt Tours beschreibt, wie sie den Angriff auf Charlie Hebdo erlebt hat und welche Fragen sie sich nun stellt.

Mülheim.. Eliane Lebret, Direktorin des Centre Franco-Allemand de Touraine (Französisch-Deutsche Gesellschaft) in der Partnerstadt Tours:

„Wir waren alle schockiert über das Massaker an den Journalisten. Über diese Leichtigkeit, mit der die Terroristen in die Redaktion eindringen und die Redakteure ermorden konnten. Und dann fand auch noch das Attentat in dem jüdischen Supermarkt Hyper Cacher statt. Ganz Frankreich hat live die Jagd auf die Terroristen verfolgt.

Solidaritätsbewegung von bislang unbekanntem Ausmaß

Und es gab eine Solidaritätsbewegung von bislang unbekanntem Ausmaß – abgesehen vielleicht von der Bewegung zur Befreiung des Landes von den Nazis 1944. Der Slogan „Je suis Charlie“ hat sich in Windeseile über Medien und soziale Netzwerke verbreitet. Ich war am Tag nach dem Attentat zu einem Arbeitstreffen in der Deutschen Botschaft in Paris. Das Personal samt Botschafterin Susanne Wasum-Rainer hat sich um Punkt zwölf versammelt zu einer Schweigeminute, wie viele andere Franzosen auch. Selbst der Berliner Bär vor der Botschaft verkündete ein „Wir sind Charlie“.

Am Sonntag danach haben in vielen Städten die „Weißen Märsche“ stattgefunden – weiß, weil sie klar unpolitisch sein sollten. Die Menschen haben demonstriert, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, um Solidarität auszudrücken. Im Grunde fand ich das auch großartig, doch ich habe mich auch manipuliert gefühlt durch die Presse. Hätten wir uns mit gleicher Begeisterung eingesetzt, wären die Opfer keine Journalisten gewesen?

Skandalumwitterte Karikaturen und Provokationen

Für mich war Charlie Hebdo die Wochenzeitschrift meiner Jugend – mit ihren skandalumwitterten Karikaturen und Provokationen. Sie war subversiv und zynisch und hat sich über alles und jeden lustig gemacht. „Dumm und bösartig“ war der Untertitel. Ich habe sie gern gelesen, allerdings ohne Wissen meiner Eltern. Der satirische, teils extrem überzogene Humor, ist über die Jahre fester Bestandteil der französischen Medienlandschaft geworden. Und die Zeichner wurden Berühmtheiten: allen voran Cabu und Wolinski. Man sollte wissen: Comics haben hier eine andere Tradition als in Deutschland und wohl auch eine höhere Bedeutung.

Die Presse berichtet zurzeit über nichts anderes als die Attentate. Alles, was nicht damit zu tun hat, wird ignoriert. So hat hier auch noch kaum einer was von Pegida gehört. Erst kürzlich hat „France 2“ erstmals zurückhaltend berichtet. Die generelle Diskussion über Islam und muslimische Bevölkerung gibt es auch hier in Frankreich.

Offen bleiben für andere Glaubensrichtungen

Ich habe Angst vor den Folgen des Attentats, davor, wie es sich auswirkt auf die Einstellung der Menschen. Dass zum Beispiel extremistische Parteien davon profitieren, es zu mehr Populismus kommt. Waren sich die Menschen, die zu Millionen durch die Straßen gezogen sind, bewusst, dass an den Geschehnissen möglicherweise auch die französische Politik Schuld ist bzw. die kaum vorhandene Integrationspolitik? Zurückweisung von Menschen, latenter Rassismus, Ablehnung anderer Kulturen: Das sind Themen, die uns alle mehr oder minder betreffen. Auch wenn die Mehrheit der Franzosen katholisch ist oder zumindest nach katholischer Kultur lebt, müssen wir offen bleiben für andere Glaubensrichtungen und Kulturen.

Charlie Hebdo aber facht das Feuer weiter an. Der französische Humor ist speziell, er muss von Menschen anderer Kulturen nicht verstanden werden. Ich frage mich deshalb: Muss man wirklich immer alles ausreizen – oder sollte man nicht um des lieben Friedens willen ab und an Abstriche machen? Das wäre ein Zeichen für alle Franzosen, egal welcher Herkunft. Unsere Gesellschaft entwickelt sich doch weiter – sollten wir deshalb nicht auch neue Werte integrieren, um ein gedeihliches Zusammenleben aller zu ermöglichen?“