In Mülheim suchte das Ruhrgebiet seine Identität
18.01.2010 | 12:00 Uhr 2010-01-18T12:00:00+0100
Mülheim. Eine hochkarätige Runde diskutierte im Ringlokschuppen über „Das Versprechen der Metropolen”: Ist die Metropole Ruhr nur der Versuch einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung? Triennale-Gründer Mortier hofft, dass die finanziell gebeutelte Region aus 2010 als Vorbild für andere hervorgeht.
Das Kulturhauptstadtjahr wäre schon jetzt so gut wie ein Erfolg, wenn es nach den Maßstäben des Geschäftsführers der Ruhr.2010 ginge: „Am Ende des Jahres wird eine neue Identität, ein neues Selbstbewusstsein der Metropole Ruhr entstehen”, setzte Oliver Scheytt am Samstagabend im Ringlokschuppen den allerkleinsten gemeinsamen Nenner für Nachhaltigkeit. Da ließ Frie Leysen, Raucherin und Programmdirektorin des Theaters der Welt, schon gleich zu Beginn bläuliche Rauchschwaden emporsteigen.
„Das Versprechen der Metropolen” warf der Schuppen als Thema in eine hochkarätige Diskussionsrunde mit Scheytt, Leysen, Gerald Mortier (Gründer der Ruhrtriennale) und Anselm Weber (Schauspiel Essen). Scheytts gewieftem Herbeireden des Ruhrgebiets als „Metropole” – „wir haben es einfach so genannt, nun reden alle davon”– stand die Runde skeptisch gegenüber. „Ist die Metropole Ruhr nur der Versuch einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung?”, fragte Moderator Vasco Boenisch.
"Gebt den Künstlern die Schlüssel"
Anselm Weber hielt der luftigen Identitätspolitik einen erdigen, nachhaltigen Kulturbegriff entgegen: Nicht einfach repräsentieren soll sie, sondern „strukturrelevant sein, wie das Bankwesen” – das erhoffte sich der Schauspiel-Chef als Ergebnis. Leysen hingegen verlangte mehr Freiräume für Künstler: „Warum gibt man ihnen nicht einfach für drei Monate den Schlüssel zum Theater?”, stritt sie für stärkere Selbstbestimmung. Mortier hoffte dagegen, dass die von Nothaushalten geplagte Region aus dem Kulturhauptstadtjahr als Vorbild für andere Metropolen hervorgehe. „Wer sich 2011 nicht zusammenschließen kann, geht unter”, prognostizierte er.
Die alten Tempel der Hochkultur haben angesichts der Finanzlage und des Selbstverständnisses von Kultur ausgedient – so schienen die Akteure einig. Nicht ganz: Zwischen dem Theatermalocher Weber und der Theaterspürnase Leysen stehen Welten. Hier einer, der die Kunst aus Katernberg heraus holte, dort eine, die Kunst als Elektroschocktherapie für die Gesellschaft begreift. Hier einer, der das Schauspiel Essen gegen den Kämmerer der Stadt behaupten musste, dort eine, deren Theaterfestival von finanzstarken Metropolen relativ komfortabel ausgestattet wird.

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