In Mülheim geht die Demokratie unter
15.12.2009 | 05:00 Uhr 2009-12-15T05:00:00+0100Mülheim. Premiere im Ringlokschuppen: „Altneuatlantis”, das neue Theaterstück des Regiegespanns „Kainkollektiv”, ist ein bildmächtiges und kritisches Theaterstück über Demokratie geworden. Weitere Aufführungen stehen im kommenden Januar auf dem Programm.
Arme Demokratie – geht sie unter wie Atlantis? Am Ende ist ihre Bühne ein Schlachtfeld: zerworfene Erdhügel, auf denen sich zuvor zitternde Gestalten herumgetrieben haben, „dies irae”, der Tag des (göttlichen) Zorns – der Chor stimmt Mozarts Requiem an.
Einiges spricht dafür, Fäden zu ziehen zwischen der heutigen Demokratie und der versunkenen Stadt. „Altneuatlantis” – das neue Theaterstück des Regiegespanns „Kainkollektiv” – spinnt daraus ein mutiges wie intelligentes Textgewebe und geht dem Mythos mit opulenten Bildern nach.
Der staatliche Verfall
Da zürnt Sokrates über die Krankheit des staatlichen Verfalls, an dessen Ende die Trugbilder stehen. Da wütet Schauspieler Randolph Herbst mit Nietzsche: „Für die Überflüssigen ward der Staat erfunden”. Da salbadert Leni Riefenstahl über den Schutz der Korallenriffe, während Filmausschnitte aus „Impressionen unter Wasser” projiziert werden. Und man versteht spätestens jetzt, dass Hitlers „Lieblingsfilmerin” mit ihrer Idylle einen ideologischen Film gedreht hat.
Die alten Griechen, die Nihilisten und die Neoliberalen haben es also immer schon gewusst: An allem ist der Staat schuld. Und der Rausch der Macht. Ihm verfällt Andreas Meier in seinem überspitzten Monolog über die Errungenschaften von Atlantis. Wunderbar auch, wie Tänzerin Anna Weißenfeld sich mühsam an der Wand aufrichtet, gegen sie anspringt – mehr von ihrem Tanz hätte man gern gesehen. Nicht alles ist jedoch ernst gemeint: Unter der Oberfläche liegt Ironie und darüber auch mal Slapstick.
Star-Wars-Masken und Wein
Etwa, wenn die Atlanter in „Star Wars”-Masken beim Anstoßen schwungvoll Wein verspritzen. Wenn dann die Band die berühmte Kantinenmusik aus Star Wars spielt. Oder Mirjam Schmuck die Todestern-Passage am Klavier anklingen lässt. Freilich: Der Lacher bleibt dem Zuschauer immer wieder im Halse stecken und die verbindenen Fäden zwischen den Szenen sind bis zum Zerreißen gespannt. „Altneuatlantis” ist ein Wagnis, ein gutes.
- Weitere Aufführungen: 22. und 23. Januar, 20 Uhr, im Ringlokschuppen

0mitdiskutieren