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Immer mehr von Mülheims Rentnern leben in Altersarmut

22.10.2012 | 18:00 Uhr
Immer mehr von Mülheims Rentnern leben in Altersarmut
Immer mehr Menschen in Mülheim müssen ihre Rente mit Geld vom Staat aufstocken.Foto: ddp

Mülheim.  Die Zahl der Mülheimer Senioren, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, steigt. Maria T. ist eine von den vielen Rentnern, die ohne Geld vom Staat nicht auskommen. Obwohl sie 30 Jahre lang gearbeitet hat, muss die 70-Jährige heute jeden Cent zweimal umdrehen, bevor sie etwas kauft.

In der ersten Hälfte ihres Lebens war Geld nie ein Thema für Maria T. In der zweiten Hälfte bestimmt es ihren Alltag. Heute muss die 70-Jährige jeden Cent zweimal umdrehen, bevor sie etwas kauft. Obwohl sie 30 Jahre lang abhängig beschäftigt war, reicht die Rente nicht zum Leben. Sie ist eine von 2200 Mülheimern, die derzeit ihre Rente mit Geld vom Staat aufstocken müssen. Die Zahl der Senioren, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind , steigt.

Maria T. möchte anonym bleiben. Sie schämt sich. Nicht, weil sie Geld vom Staat bezieht, sondern „weil ich so naiv war und mich nie um die Rente gekümmert habe.“ Daher möchte sie alten Menschen sagen: „Ihr habt Anspruch auf Grundsicherung .“ Und Jüngeren raten: „Geld zurückzulegen. Und seien es nur 10 Euro im Monat.“

Gut betucht

Marias Geschichte ist typisch für ihre Generation. Nach einer Ausbildung zur Arzthelferin und einer weiteren zur Sozialarbeiterin heiratete sie ihren damaligen Mann. „Ich habe mich um die Erziehung unserer Kinder und den Haushalt gekümmert.“ Gut betucht habe sie mit ihrer Familie gelebt, um Geld musste sie sich nie Gedanken machen. „Mein Mann hatte einen gut bezahlten Job.“ Nebenbei engagierte sie sich ehrenamtlich, für Kinder und in der Lokalpolitik, in der Kinder-, Jugend- und Sozialarbeit. Als dann nach 20 Jahren die Scheidung kam, verzichtete sie auf den Unterhalt. „Ich wollte nichts von ihm haben“, erinnert sie sich.

In der Mitte ihres Lebens begann für Maria T. ein neues Leben. Zunächst lebte sie zwei Jahre lang vom Ersparten. „Ich hatte noch eine Lebensversicherung und teure Möbel, die ich verkaufen konnte.“ Doch Stillsitzen war für sie keine Option. „Ich habe viele verschiedene Jobs angenommen.“

Als Sozialarbeiterin, in der Pflege oder im Kinderschutz. Fast 30 Jahre lang arbeitete sie und zahlte in die gesetzliche Rentenkasse ein. Dass am Ende nur so wenig übrigbleiben würde, daran hatte sie nie gedacht. Zumal sie eigentlich noch Anspruch auf die Betriebsrente ihres Mannes hatte. Doch: „Die Betriebskasse der Firma ging pleite.“

180 Euro für Essen, Trinken, Kleidung und Ausgehen

320 Euro bekommt Maria T. im Monat an Rente. Weil das zum Leben nicht reicht, bezieht sie Grundsicherung , mit der u.a. die Miete für die 45 Quadratmeter-Wohnung bezahlt wird. Nach Abzug aller Kosten, darunter Strom, Versicherungen, Telefon und Monatsticket, bleiben Maria T. rund 180 Euro für Essen, Trinken, Kleidung und Ausgehen. „Ich war schon immer ein sparsamer Mensch“, beschreibt die bescheidene 70-Jährige.

„Doch einschränken muss ich mich schon.“ Ihre Wäsche wäscht sie im Waschsalon, gekocht wird auf einer einzelnen Kochplatte. Kleider kauft Maria T. schon seit Jahren gebraucht. Demütigend sei es, sich bei der Tafel anzustellen. Das schlimmste sei aber der Verlust der sozialen Kontakte. „Ich kann nicht auf Geburtstage gehen, weil ich kein Geld für Geschenke habe, meine Freunde in meiner Heimatstadt kann ich nicht besuchen, weil kein Geld fürs Ticket da ist.“

Info

Immer mehr Mülheimer Senioren nehmen Leistungen zur Grundsicherung in Anspruch.

2200 Senioren bezogen im Juli 2012 Grundsicherung im Alter. Im Juli 2011 waren es noch 2000, im Dezember 2010 1900.

„Die Verteilung zwischen Männern und Frauen bleibt konstant“, verrät Thomas Koniezka vom Sozialamt. „40 % Männer, 60% Frauen.“ Dass jedes Jahr mehr Menschen Grundsicherung brauchen, liege aber auch in der Altersstruktur begründet. „Weil mehr Menschen älter werden, steigt auch der Anteil der Leistungsempfänger.“

Über die Perspektive für die Zukunft möchte sie gar nicht nachdenken. Ihren Kindern auf der Tasche zu liegen, das fände sie schrecklich. Trotzdem versucht die fröhliche Frau ihren Humor zu bewahren und am Leben teilzuhaben. Dafür engagiert sie sich weiter ehrenamtlich für Kinder.

Nicht nur Jüngere möchte sie mit ihrer Geschichte erreichen. Generell vermisse sie Toleranz in der Gesellschaft. Viele Leute stempelten Arme als ungebildet, als asozial ab. Ihnen will sie sagen: „Schaut hinter die Kulissen. Am Ende kann es jeden treffen.“

Kristina Mader



Kommentare
24.10.2012
22:46
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Name von Moderation entfernt | #7

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23.10.2012
22:01
Immer mehr von Mülheims Rentnern leben in Altersarmut
von michalek | #6

Endlich einmal eine Aussage die den wirtschaftlichen Problemen der Rentner gerecht wird und von den Politikern einmal nicht, mit Hinweisen auf einer statistischen Auswertung, gleich wieder in Frage gestellt wird. Das die Rentenerhöhungen noch nicht einmal die gestiegenen Verbraucherpreise und somit den Kaufkraftverlust abdeckt ist ein Skandal. Hier muss die Politik schnellsten eine Änderung herbeiführen.
Da die Politik immer wieder den Rentnern ihren Stellenwert in der heutigen Gesellschaft vor Augen führt, ist die Verunsicherung und Vereinsamung älterer Menschen doch kein Wunder. Früher waren ältere Menschen angesehene und respektierte Mitglieder in der Gemeinschaft , heute haben sie das Gefühl nur zu stören und eine Belastung für das Gemeinwohl zu sein. Bei solchen Voraussetzungen darf sich doch keiner darüber wundern, dass so viele ältere Menschen einsam sind und den Freitod wählen.

23.10.2012
15:45
Immer mehr von Mülheims Rentnern leben in Altersarmut
von Timebandido | #5

Für Asylanten und "Imegranten" ist genügend Geld da.
Unsere alten Mitbürger lässt man verkommen, armes Deutschland.

23.10.2012
12:21
Immer mehr von Mülheims Rentnern leben in Altersarmut
von lass_mal_laufen | #4

Die Frage ist: Wer kann etwas dagegen unternehmen und wie?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der nicht mehr zählt, was du geleistet hast, sondern ausschließlich was du hast. Und das Haben wird auch weiterhin auf immer weniger Menschen verteilt, die dann allerdings -zwangsläufig- immer mehr haben.
Gravierend ist in diesem Zusammenhang, dass sich jeder gegen jeden aufstacheln und anstacheln lässt. Da wettern die Minijober gegen die H4ler, die schlecht bezahlten Geringverdiener gegen die Minijober, der "Normalverdiener" gegen die Geringverdiener, der Gutverdiener gegen den "Normalverdiener" und letztlich der Topverdiener gegen alle anderen, weil alle anderen zuviel "bekommen".

Es ist genau dieser Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

Das macht nicht die Politik, sie ist für die "Hetze" jeder gegen jeden mitverantwortlich.

23.10.2012
10:53
politisch gewollte Altersarmut
von Joe_Bar | #3

Im Grunde müßte ich ja sagen: "Sie haben sie gewählt und das ist das Ergebnis."

Nichtsdestotrotz tun mir die Leute leid und wer weiß wie es uns/mir im Alter ergeht. Um eine anständige Rente zu erhalten, müßte man 45 Jahre ununterbrochen bei einem Arbeitgeber gearbeitet haben und mit überdurchschnittlichem Gehalt. Aber wer hat noch so eine Erwerbsbiographie?
Eben, nahezu niemand!

Rentensenkungen, fast in jeder Legislaturperiode, wobei es im Grunde egal ist ob Schwarz/Gelb, Rot-Grün, oder große Katas... ehemm Koalition angesagt ist.

Riester war die Volksverdummung schlechthin, wie Monitor schon belegte, von wegen: Ansparen fürs Sozialamt. Na, prima...
Rente ab 67, was auch nur eine versteckte Rentensenkung ist, denn welcher Dachdecker ist noch mit 66 auf dem Dach?
Jetzt wollen Sie die Rente von aktuell 50,8% auf irgendwas um 45% senken, damit deutlich niedriger als z.B. das ALG2. Das ist doch ein Verbrechen, so mit Menschen umzugehen, die ihr Leben lang gearbeitet haben!

22.10.2012
19:09
Wenn sich die Rente nicht rechnet
von Tante.Otti | #2

Tja, Doppelverdiener, meist kinderlos, mit Aussicht auf Pensionen legen gerne fest, dass auch für Hinterbliebene die Pension samt Weihnachtsgeld/Sonderzahlung erhalten bleibt. Schön mit Privatversicherung versorgt.

Da ist man gerne bereit den Ökoblödsinn zu begünstigen und die Sozialkassen für Menschen in Notsituationen-mit-Schieflage überall in der Welt zu öffnen.

Nur der Arbeiterklasse geht es immer dreckiger. Weniger Rente, weniger Leistungen der Krankenkassen. Nennt man auch Verlust von Wohlstand und Kaufkraft.

Passen Sie bloss auf, dass Sie nicht zum Sozialfall werden oder so etwas wie Altenpflege benötigen! Dann sollte man lieber von der Brücke springen, statt sich dem Elend auszusetzen.

Sozial geht anders!

22.10.2012
18:48
Wenn sich die Rente nicht rechnet
von Talion | #1

Die einzigen die dieses Problem in Deutschland nicht haben und deshalb wohl auch nichts daran ändern werden, sind unsere Parlamentarier.

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