Im Wettlauf mit der Zeit

Helga Tillmann (l.) und Adelheid Borgmann zählen zu den neun Akteueren des Ensembles Volxbühne.
Helga Tillmann (l.) und Adelheid Borgmann zählen zu den neun Akteueren des Ensembles Volxbühne.
Foto: Mit: Helmut Baumeister, Adelheid
Was wir bereits wissen
Auf der großen Bühne des Theater an der Ruhr gewinnt die Winterreise in der Inszenierung von Jörg Fürst mit der Volxsbühne an Atmosphäre und Intensität. Ein sehenswerter Abend.

Die Winterreise in der Inszenierung von Jörg Fürst mit der Volxbühne ist auf der großen Bühne des Theaters an der Ruhr angekommen - und dort gehört sie auch hin, denn sie ist großartig. Zu welcher Leistung sich die Akteure im Alter von 65 bis 82 Jahren unter der Leitung ihres Regisseurs gesteigert haben, ist sehens- und bewundernswert. Vor allem wenn man sich den 77 Seiten langen Textbrocken von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vorstellt. Es sind Reflexionen über das Alter, Vergänglichkeit, Krankheit und Tod, die durch zeitgeschichtliche Szenen wie den Fall Natascha Kampusch und einen Bankenskandal ergänzt werden, aber ohne Handlung, Szenen und Personen auskommen. So etwas wie ein Stück muss erst aus dem Textkonvolut destilliert werden. Inspiriert zu diesem Alterswerk hat die inzwischen 68-jährige Österreicherin Franz Schuberts gleichnamiger Liederzyklus, auf den im Text wiederholt angespielt wird. Für eine Amateurbühne ist so etwas schon eine Herculesaufgabe, die die Volxbühne aber mit Bravour gemeistert hat.

Durch die ergänzenden Szenen mit „jungen“ Schauspielern des Theaters A.Tonal, mit denen Fürst in Köln arbeitet, sowie dem Einsatz von Licht, Projektionen und Musik gewinnt die Inszenierung noch deutlich an Atmosphäre, Dichte und Eindringlichkeit. Alle Befürchtungen des Ensembles, das man die 200 Plätze am Raffelberg nicht werde füllen können, womöglich vor halb leeren Zuschauerreihen spielen müsse, erweisen sich rasch als gegenstandslos. Im Gegenteil. Nach der im ausverkauften Theater begeistert aufgenommenen Mülheimer Erstaufführung dieser Lang-Version stehen alle Zeichen auf Wiederholung, die man in der Tat nicht verpassen sollte. Insbesondere wünscht man dieser Inszenierung auch ein jüngeres Publikum, auch wenn diese nicht um die für sie wichtigen Themen zu kreisen scheint. Dazu hatte schon der Kölner Stadt-Anzeiger nach der Kölner Premiere im Januar geraten, wo das Ensemble wiederholt in der ausverkauften Alten Feuerwache aufgetreten war. Für die Schauspieler ist dieser Riesenerfolg eine große Bestätigung und man merkte ihnen an, wie sie den Applaus genossen haben.

Ein markantes Lachen

Mit ihrem markanten Lachen, dem sie stets ein „Ich werde an dich denken. Ich kann nicht anders“ folgen ließ, hat sich Eva Stoldt bereits in der kleinen Inszenierung vom vergangenen Jahr in der Erinnerung des Publikums verewigt. Und Adelheid Borgmann, die mit ihrem Schatten, Elke Ungerer, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, über die Bühne fragt: „Kann man sich eigentlich vorauswerfen und dann entschlossen in ihn hineinspringen? Kann der Schatten das, was war, durchbrechen, indem er vor mir herläuft?“

Diese Wortspiele über die Vergänglichkeit und das Vorbei bekommen eine viel intensivere Bedeutung, sind dann melancholisch gefärbt. Die Sehnsucht nach dem verpassten, dem ungelebten Leben wird spürbar, wenn es von einem alten Menschen gesprochen wird. „Die Zeit läuft, die Zeitnehmung auch, die mir alles wieder nimmt, was ich bin“, heißt es bei Jelinek erbarmungslos. Aber so ist das Leben. Eine kurze Erinnerung an die Kindheit. Man kann vom Zug der Zeit nicht abspringen wie als Kind von der Straßenbahn, „wenn ich mir für den Fahrpreis Bonbons kaufen wollte, wenn ich lieber den kurzen Augenblick genießen als fahren wollte. Lieber eine Minute Süße im Mund als zu fahren als zu fahren.... Alles besser als mich der Zeit anzuschließen.“ Der Puls der Zeit ist immer in der Musik zu spüren, die weitgehend auf verfremdeten Stücken von Blixa Bargeld beruht. Das Bühnenbild, das aus drei Rollelementen besteht, die mit weißen Lamellen bespannt sind, ist unverändert. Es dient auch als Projektionsfläche. Einmal klappen die Wände auf, geben den Blick frei auf die Ensemblemitglieder, die ein Requisit ihres Lebens zeigen vom Teddy über das Springseil bis zu den roten Pumps, die für das Alter auch zu unzeitig sind, wie das Snowboarding, das die Senioren am Ende durchaus mit Begeisterung und Neid beobachten. „Es ist zu spät. Ich komm da nicht mehr raus. Bevor ich jetzt zum Augenblick werden kann, zum Jetzt im Leben, zum Schönen, zu demjenigen, dem man ein Verweilen, weil es eben so schön ist, befehlen könnte, ist das Leben schon an mir vorbeigezogen.“

Einer der schönsten Sätze aber lautet: „Die Zeit läuft vor mir davon, dabei geht von mir keinerlei Gefahr aus.“ Hoffen wir auf die Zukunft. Das Spiel der Volxbühne ist jedenfalls noch nicht vorbei.