Im Reich der Sinne

Sie nennen sich Finster-Restaurant oder Café im Dunkeln und erfreuen sich seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Sie versprechen ein völlig neues Geschmackserlebnis, weil das Auge eben bei diesem Mahl nicht mitisst und sich die Gäste ganz auf die Sinne Schmecken, Riechen und Fühlen konzentrieren müssen. Die Gäste wissen auch nicht genau, was sie vor sich auf dem Teller haben und müssen sich auf das Bedienungspersonal verlassen. Das sind Sehbehinderte, deren Lebenswirklichkeit man so ein Stück besser nachvollziehen kann.

Mit dem Reich der Sinne hatte der Aktionstag am Samstag allerdings nichts zu tun. Geplant war die Earth-Hour als eine Gemeinschaftsaktion als Zeichen für den Schutz des Planeten. Eine Stunde lang auf die Beleuchtung verzichten. Aufgerufen waren Institutionen und Privathaushalte. Im vergangenen Jahr hatten an dem Aktionstag über 700 Städte in mehr als 160 Ländern mitgemacht. Welcher Ort ist in Mülheim prädestinierter als das Museum zur Vorgeschichte des Films, das das Wort „dunkel“ schon im Namen trägt: Die Camera Obscura (dunkler Raum). Sie hüllte sich für eine Stunde in die Dunkelheit der Nacht. Großartig! Doch wer nimmt davon schon Notiz? Das tut auch niemandem weh.

Ich bin aber froh, dass der Ort, an dem ich mich am Samstag zu jener Zeit der weltweit größten Klimaschutzaktion befand, sich an daran gar nicht beteiligt hat. Ich saß nämlich im Theater. Das Stück im Dunkeln zu sehen, wäre eine zweifelhafte Sinneserfahrung, auf die ich gut verzichten kann. Für diesen frevelhaften Spott tat ich immerhin schon vorausschauend Buße, indem ich anschließend zwei Stunden lang per Muskelkraft für Strom sorgte: auf dem Fahrrad.