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Im Notfall ohne Betäubung

27.01.2010 | 11:00 Uhr

Dr. Christopher Rhode war 1994 als Arzt in Ruanda. Er weiß, was seine Kollegen derzeit in Haiti leisten müssen

Christopher Rhode ist Chirurg am St. Marien-Hospital. Foto: Roy Glisson

Kinder kommen auf die Welt, wenn es soweit ist, auch wenn die Zeit denkbar schlecht ist für einen Start ins Leben. Kinder werden geboren, da mag die Welt in Trümmern liegen, da mögen sich Menschen brutal abschlachten, wie es 1994 in Ruanda geschah. Dr. Christopher Rhode, heute Chirurg am St. Marien-Hospital, war damals beinahe ein Jahr lang im Norden Ruandas tätig. Er kann sich gut vorstellen, was die Ärzte derzeit in Haiti leisten müssen, unter welchen Bedingungen sie in dem vom Erdbeben zerstörten Karibikstaat arbeiten. Im Auftrag der UN leitete der damals 36-jährige Rhode ein Krankenhaus, unterstützt von etwa 20 Schwestern und Pflegern. Erst 60 Kilometer weiter, in Kigali, gab es den nächsten Doktor. Die zum Teil grausam verletzten Opfer des Bürgerkriegs hat er behandelt, nicht allen konnte er helfen. Der erste Unterschied zu Ruanda, der ihm bei den Nachrichten aus Haiti einfällt: „In Haiti ist auf einen Schlag komplett die ganze Infrastruktur zusammengebrochen. Dort sind ja ganze Städte einfach platt.” Was das heißt für die Ärzte? „Auf offener Straße Amputationen am laufenden Meter.” Menschen, die man aus den Trümmern ihrer zusammengefallenen Häuser zog, sind dabei nur selten unverletzt geblieben. Christopher Rhode hatte auch jetzt eine Email-Anfrage der UN, um in Haiti zu helfen. Der 52-Jährige, ausgebildet als Allgemein- und Unfallchirurg, wäre auch sofort gegangen, sofern sein Arbeitgeber ihn dann auch freigestellt hätte. Doch Rhode hatte die Mail zu spät gesehen: Schon innerhalb von sechs Stunden hätte er zusagen müssen, erzählt er.

Der gebürtige Essener, der heute in Mülheim lebt, hatte sich damals, 1994, auf eine Anzeige der UN in der „Ärztezeitung” für seinen medizinischen Einsatz in Ruanda gemeldet. Rhode, der in Italien Medizin studierte, spricht auch Englisch und Französisch, was im Operationssaal wichtig war: „In Uganda ausgebildete Schwestern sprachen Englisch, im Kongo ausgebildete Französisch, in Ruanda ausgebildete nur Kinyarwanda.” Im Ort Kiziguru, nahe den Grenzen von Kongo, Tansania, Uganda, musste er als einziger Arzt alle Fachgebiete chirurgisch abdecken: „Auch Kinderheilkunde, Gynäkologie, Entbindungen, Kaiserschnitte.” Eingriffe, ohne zuvor eine Röntgenaufnahme machen zu können, Kaiserschnitte oft nur mit örtlicher Betäubung. Vollnarkose? Im Notfall muss man auch etwas tun, wenn keine Betäubungsmittel verfügbar sind. Manchmal lief ein Huhn durch den OP-Saal. Bei einer Kopf-OP eines ranghohen Militärs bedrohte ein anderer ihn mit einer Waffe. Manchmal halfen einheimische Studenten im 5. oder 6. Semester aus: „Amputationen und Kaiserschnitte konnten die auch. Es hat ja keinen interessiert, ob hinterher die Narbe schön ist.”

Christopher Rhode (l.), Chirurg am Mülheimer Marien-Hospital, arbeitete 1994 u.a. in Ruanda.

Viel Schreckliches hat Christopher Rhode gesehen, von dem, was Menschen Menschen Grausames antun können, kann er viel erzählen. Wenn tote Körper nicht begraben werden (können), drohen Seuchen, das weiß jeder Arzt. Das Wort „Durchspießungsverletzung” lässt schaudern, Rhode musste das behandeln. Er, der Arzt, tat, was er konnte, um zu helfen, um Menschen durchzubringen. Wie es jetzt auch viele seiner Kollegen und Kolleginnen in Haiti tun.

Bettina KUTZNER

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