„Ich habe eine klangliche Vorstellung“

Von Halbwesen und zweifelhaften Geschöpfen hatte im März vor einem Jahr die renommierte Autorin Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdner Rede gesprochen, die Reproduktionsmediziner als Frankensteine tituliert, die künstliche Befruchtung als abscheulichen Vorgang bezeichnet und noch den Bogen zum nationalsozialistischen Rassenwahn geschlagen. Damit hatte sie genügend Empörungsmaterial für das entsetzte Feuilleton geliefert.

„Wir machen hier keine Monster“, war der Satz, mit dem die Autorin Felicia Zeller von einem Mediziner in einer Kinderwunschklinik begrüßt wurde, den sie für die Recherche ihres Stücks „Wunsch und Wunder“ aufgesucht hatte, das am Montag und Dienstag in der Stadthalle bei den Theatertagen zu sehen war. Die von Lewitscharoff losgetretene Debatte war unter anderem Anlass für das Staatstheater Saarbrücken die 45-Jährige mit einem Stückauftrag auf das Thema anzusetzen. Das mit einem Megaphon aus dem Publikum mehrfach in die Szene hereingebrüllte„Ich wünsch mir ein Kind mit blonden Haaren und blauen Augen“ nimmt noch einmal direkt Bezug auf diese Debatte.

Zeller, die sich, wie sie im Publikumsgespräch erzählte, selbst als schüchterne Person sieht, die nicht leicht mit Menschen in Kontakt kommt, sprach mit zahlreichen Beteiligten in diesem Bereich. Auf einem Kongress traf sie auch ein Spenderkind, von denen es über fünf Millionen gibt. Unter der Moderation von Christoph Leibold, der schon am Eröffnungsabend einen souveränen Stücke-Einstieg hatte, bot das Gespräch einen interessanten Einblick in die Autorenwerkstatt. Bei ihren Recherchen vor Ort habe sie so manchen Wortwechsel aufgeschnappt, der dann wörtlich in ihren Text eingeflossen sei. Theater ist aber kein Journalismus. Deshalb hat sie noch aus einer zweiten Quelle geschöpft und zitiert aus den Märchen Däumelinchen, Dornröschen und Rumpelstilzchen. Wer sich die Familienstrukturen in den Märchen anschaut, stößt auf recht zerrüttete Verhältnisse, die mit einer heilen Welt nichts zu tun hat. Die dritte Quelle ist der Arztroman. In das Sujet hat sich die Autorin auch eingelesen, geschafft hat sie das Buch allerdings nicht, wie sie erzählt.
Regisseur Marcus Lobbes, der schon 2008 „Kaspar Häuser Meer“ inszenierte, als Zeller mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, hat den Text genau gelesen und legt auch Wert auf Exaktheit. Auf die Bühne hat er einen Märchenwald gesetzt, immer wieder treten die Schauspieler mit Tiermasken oder Zipfelmützen von Zwergen auf. „Wenn ein Schauspieler ein Wort weglässt, kann ich fuchsig werden“, sagt er. Es ist eine Kunstsprache, viele Sätze bleiben unvollendet, werden anders weitergeführt. „Man muss sie schnell sprechen“, sagt Schauspielerin Gabriela Krestan. Denn bei diesem Tempo geraten die Sprecher in Stress und dann ergeben sich auch die Gedankensprünge. Bei einem langsameren Tempo würden die Figuren auch immer psychologisch wirken, ergänzt die Kollegin Nina Schopka, dabei seien das ja nur Sprachrohre. „Wir haben es auch mal wie in der Schwarzwaldklinik versucht, so mit weißen Kitteln und Telefonen“, erzählt Lobbes. „Das war zwar recht lustig, aber nicht gut.“

Der Autorin, die, wenn sie als Sprachakrobatin, gelobt wird, abfällig den Mund verzieht, kommt es auf den Sound an. „Ich habe von meinen Texten keine szenische Vorstellung, aber immer eine klangliche Vorstellung“, sagt sie. Und vielleicht ist das das Grundproblem der Inszenierungen, die schon früher bei ihren doch handlungsarmen Texten zu beobachten waren. Die Texte sind gut, die Regie lässt sich viel einfallen, es ist lustig und tiefschürfend, doch richtig toll ist es nicht. Vielleicht ist das ein Webfehler in der DNA, um im Metier zu bleiben. Die Texte müssen klingen, zweifellos, aber vielleicht wären Hörspiele die stärkeren Form - aber wer hört die schon.


PUBLIKUMSREAKTION
Lebhafter und langer Beifall


FESTIVALBAROMETER
Mit Zeller ist immer zu rechnen, es zählt ja der Text.


DER NÄCHSTE TERMIN
Sonntag, 24. Mai, Stadthalle, 19.30 Uhr: Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen mit dem Hamburger Thalia Theater.