Hochzeitsglocken läuten seltener

Morgen ist Valentinstag. Der Tag der Liebenden ist keine Erfindung der Blumenhändler, sondern geht auf den heiligen Valentin zurück, der im dritten Jahrhundert als Märtyrer seinen Kopf verlor, weil er gegen das Verbot des römischen Kaiser Paare nach dem christlichen Ritus traute und sie dann mit Blumen aus seinem Garten beschenkte. So weit die Legende. Doch wie sieht die Realität beim Standesamt und am Traualtar aus?

Die Zahlen des Standesamtes zeigen: 2014 haben sich wieder mehr Frauen und Männer getraut. 1051 Paare, immerhin 60 mehr als im Jahr zuvor sagten Ja zueinander. Gleichzeitig verbindet aber nur eine Minderheit der Brautpaare die standesamtliche mit einer kirchlichen Trauung. Nur 160 Paare haben sich dafür entschieden, vor den Traualtar zu treten.

Die Leiterin des Standesamtes, Elisabeth Condipodaro-Marchetta stellt seit sieben oder acht Jahren einen Trend fest, der dahin geht, die standesamtliche Hochzeit nicht nur im engsten Familienkreis, sondern auch mit Freunden und Arbeitskollegen als „großen Event zu feiern.“ Das macht sie auch daran fest, dass sogenannte Ambiente-Trauungen, also Trauungen an besonderen Orten, wie etwa dem Schloss Broich, einem Schiff der Weißen Flotte, einer historischen Straßenbahn der Mülheimer Verkehrsgesellschaft oder dem Aquarius in Styrum, bei Brautpaaren besonders hoch im Kurs stehen.

550 Brautpaare ließen sich deshalb 2014 nicht im Standesamt, sondern an einem Ort trauen, der ihrer Hochzeit einen ganz außergewöhnlichen Rahmen gab. „Die Paare messen ihrer standesamtlichen Trauung heute eine größere Bedeutung bei und sie legen sehr großen Wert auf eine persönliche Ansprache und eine individuelle Gestaltung“, sagt Condipodaro-Marchetta.

733 Scheidungen

Den Wunsch, das Eheversprechen, rituell und symbolisch zu bekräftigen, stellen auch die Mülheimer Pfarrer Michael Manz aus Styrum, Markus Kerner aus Heißen und Michael Jansen aus Stadtmitte fest. Gefragt seien nicht nur die persönliche Ansprache in der Predigt, sondern auch die persönliche Akzentsetzung in den Fürbitten oder bei der Auswahl von Liedern. Der evangelische Pfarrer Manz erinnert sich an eine Hochzeit an Bord der Weißen Flotte, als das Brautpaar erst vor dem Standesbeamten und dann vor dem Pfarrer den Bund fürs Leben schlossen. Manz und sein katholischer Kollege Janßen sind sich einig, „dass Kirche die Menschen gerade an den Eckpunkten des Lebens begleiten muss.“ Manz sagt es so: „Wir müssen den Menschen mit unserer frohen Botschaft dorthin entgegenkommen, wo sie stehen.“ Janßen hat den Eindruck, „dass die Menschen, die sich heute für eine kirchliche Trauung entscheiden, dies auch aus voller Überzeugung tun und nicht weil es dazu gehört. Ich spüre bei diesen Brautpaaren eine große Sehnsucht nach Halt in einem sinnerfüllten Leben.“ Für seinen katholischen Amtsbruder Kerner steht fest: „Die Menschen, die heute bewusst in der Kirche heiraten, tun dies aus einem Glaubensimpuls heraus, weil sie sich das Ja-Wort vor Gott geben und ihre Ehe damit unter seinen Segen stellen wollen.“

Ob vom Standesbeamten geschlossen oder vom Pfarrer im Namen Gottes gesegnet. 733 Scheidungen in 2014 zeigen, dass nicht jedes, auch noch so ehrlich gegebene Eheversprechen fürs Leben gilt. Standesbeamtin Condipodaro-Marchetta geht davon aus, dass jede dritte Ehe, die sie und ihre derzeit noch sieben Kollegen schließen, wieder geschieden werden. Zu wenig Zeit füreinander und die Unfähigkeit, dem Partner auch in einer Ehe eigene Freiräume zu geben, sieht sie heute als wichtige Faktoren, die das Eheleben in einer schnelllebigen und auch durch beruflichen Stress geprägten Zeit besonders nachhaltig belasten. Gleichzeitig sieht sie eine große Sehnsucht danach, in einer Ehe persönliche Sicherheit und Geborgenheit zu finden.