Hausbewohner werden zum Kunstwerk
23.01.2010 | 12:00 Uhr 2010-01-23T12:00:00+0100
Im Rahmen des Kulturhauptstadt-Projekts "2-3 Straßen" ziehen 18 ganz unterschiedliche Charaktere in den SWB-Wohnturm am Hans-Böckler-Platz ein. Dort werden sie selbst Bestandteil eines Kunstwerkes. Die WAZ begleitet sie dabei.
Willkommen in Mülheims Mitte. Dort, wo das Doppelhochhaus aus einer Platte namens Hans-Böckler-Platz wächst, hat schon seit längerem die Polizei eine Dienststelle und die Wohnungsgesellschaft SWB ein Servicebüro. Genau zwischen beiden eröffnete kürzlich eine Niederlassung des Kulturhauptstadtprojektes „2-3 Straßen”, das derzeit viel Aufmerksamkeit in die Stadt zieht.
„Alle Mieter sind eingezogen” wurde Anfang Januar vermeldet. Es kann also losgehen: in der Duisburger Sankt-Johann-/Saarbrücker Straße, am Dortmunder Borsigplatz und im Mülheimer Wohnturm. Dies sind die drei Schauplätze des Projektes. 78 Teilnehmer gibt es insgesamt, denen ein Jahr lang die Miete erlassen wird. Nur Nebenkosten sind noch zu zahlen.
Allein hier in der Stadt führt die ausgewählte „Straße” vertikal nach oben. Das passt, weil Jochen Gerz, der Ideengeber und verantwortliche Künstler, mit seinem Vorhaben auch ein hohes Ziel verfolgt. Die Akteure sollen in ihrer neuen Umgebung zu lebendigen Elementen einer Ausstellung werden. Alle tragen zum Kunstwerk bei, indem sie texten: Aus ihren Eindrücken, denen alteingesessener Straßenbewohner und von Besuchern soll ein Buch entstehen. Geplante Veröffentlichung: Anfang 2011.
Einrichten und Einleben
Momentan jedoch sind die Teilnehmer noch mit dem Einrichten und Einleben stark beschäftigt. So ziehen Oliver Hasse aus Berlin und Jan-Paul Laarmann aus Essen gerade in eine kleinere Wohnung, da der dritte WG-Mann knapp vorher absagte und die beiden sich auf rund 100 qm etwas verloren fühlen.
Insgesamt hatten sich knapp 1460 Menschen aus 30 Ländern für das von langer Hand geplante Projekt beworben. „In welcher Stadt, war den meisten egal”, sagt Christel Juhl, die für „2-3 Straßen” die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Jeder musste seine Beweggründe formulieren. Und dann? „Der Künstler hat entschieden.” In das Mülheimer Doppelhochhaus sind letztlich 18 Teilnehmer/innen gezogen: Die Jüngste ist 19 Jahre alt, der Älteste 68 und zugleich am weitesten gereist. Der Herr kommt aus Zürich.
Manon aus Isny
Auch Isny ist nicht gerade in der Nähe – niedlich wie sein Name wirkt das Städtchen im Allgäu, in dem Manon Hopf ihre Kindheit verbrachte. „Ein Kurort”, sagt die 19-Jährige, „aber ich kann nicht viel damit anfangen.” Das Rathaus von Isny liegt 705 Meter über dem Meeresspiegel – wie Manon nun 76 Meter hoch in Mülheim an der Ruhr zurechtkommt, muss sich zeigen.
Ihr Bruder war es, der im Internet eine Ausschreibung zum Projekt „2-3 Straßen” entdeckte: „Er meinte sofort, das sei was für mich.” Manon bewarb sich – mit Erfolg, doch fast ohne Wissen über Mülheim: „Mir war es wichtig, herzuziehen ohne ein konkretes Bild von der Stadt.” Ihre Eltern halfen am 28. Dezember beim Umzug. Eine Fahrt im VW-Bus plus Anhänger genügte, um Manons überschaubaren Hausrat zu befördern.
In Isny lebt sie schon länger nicht mehr, sondern ging als 16-Jährige nach Feldkirch in Österreich, wo sie das Musikgymnasium abschloss. Ihre Violine ist mit nach Mülheim gekommen. Manon hat ein frisch renoviertes Appartement im 12. Stock, zwei Zimmer, in denen wenig mehr als ein Bett, ein Kleiderschrank, ein paar halbhohe Regale stehen. In der Küche fehlt noch ein Kühlschrank – die Winterwitterung erlaubt Lebensmittellagerung im Freien am Fenster. Manon sitzt mit ihrem Notebook am Boden (es gibt erst einen einzigen Stuhl), raucht handgedrehte Zigaretten und erzählt, dass sie gerne schreibt. Auf dem Hörer ihres Telefons steht „Telefon”, und sie hat auch Wände beschriftet in ihrer neuen Wohnung. In wenig Schwarz auf sehr viel Weiß erscheinen eigene kurze Texte wie auch Zitate aus dem existentialistischen Klassiker „Der Fremde” von Camus. „Ich bin gerne alleine”, sagt Manon, „und mache auch viel alleine.” In das Jahr 2010 geht sie ohne festen Plan, aber mit „Neugier, auf die Gegend”. Einsam fühle sie sich nicht, doch ein Job wäre schon gut und ist auch in Sicht: „Als Bedienung in einer kleinen Kneipe hier in der Nähe”. Das könnte ihr Einstieg sein, in die unbekannte Stadt.
"Um die 30"
Und die anderen Bewohner? Eine Frau mit ihrem fast erwachsenen Sohn ist dabei und auch ein Paar, es gibt drei Wohngemeinschaften: zwei sind männlich besetzt, eine weiblich. Den Altersschnitt schätzt Christel Juhl auf „um die 30”. Das ist für Mülheimer Verhältnisse jugendlich. Insgesamt 13 Wohnungen stellt die SWB zur Verfügung. Die Zugezogenen blicken nun aus der dritten bis 20. Etage mehr oder weniger weit über die winterliche Stadt. Bewusst, sagt SWB-Marketingreferentin Christina Holz, habe man alle in unterschiedlichen Stockwerken untergebracht: „Damit sie in Kontakt mit Bestandsmietern kommen”. Wie es dem Künstler vorschwebt.
Das weithin sichtbare Doppelhochhaus aus den 1970er Jahren birgt insgesamt 206 Wohneinheiten in sich, von denen „etwa 95 Prozent” vermietet seien. „Viele ältere Leute leben hier”, erklärt Sylvia Timmerkamp, die zuständig ist für Vermietung, „einige seit 30 Jahren.”. Das Haus hat eine fünfjährige Sanierung fast hinter sich. Flure, Böden und Badezimmer wurden erneuert, am frischen Image wird noch gearbeitet. „Früher war das hier ein Problembereich”, räumt Christina Holz ein. Es gab Zeiten, da betraten viele Mülheimer mit ungutem Gefühl diesen unwirtlichen Platz.
Das Projekt verfolgt ein weiteres wichtiges Ziel, formuliert wie ein Versprechen: „ ... und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein.” Das kann gut sein.

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