Haus Werry: ein Saarner Kleinod

Saarn..  17 dicke Tagebuch-Order hatte Leo Werry über die Hausrenovierung angelegt. Abends nach getaner Arbeit hatte der Verleger handschriftlich und mit Fotos jedes noch so winzige Detail und jedes noch so kleine Vorkommnis der Restaurierung seines imposanten denkmalgeschützten Hauses an der Düsseldorfer Straße 10 - 12 festgehalten.

„Soooo alt ist es gar nicht, aber als wahrscheinlich erstes Steinhaus in Saarn und zugehörig zum barocken Gebäudeensemble des Klosters ist mein Haus schon etwas Besonderes“, beginnt seine Witwe Mechthild Werry die Beschreibung ihres imposanten Gebäudes.

Um 1750 in der heutigen Form errichtet, wurde es 1988 völlig heruntergekommen von den Eheleuten gekauft. „Es war Liebe auf den ersten Blick!“, erinnert sich die 72-Jährige. Schon lange vorher zeigten sie Interesse, aber die damalige Inhaberin Maria Fettes hatte es an 20 türkischstämmige Familien vermietet und mochte nicht verkaufen. Nach ihrem Tod wurde es laut Mechthild Werry erst recht kompliziert, denn nicht die Nichte, sondern deren Kinder erbten, und die waren noch keine 18 Jahre alt.

Vorbildliche Renovierung

„Als wir schon nicht mehr daran glaubten, wurde uns das Haus ganz plötzlich dennoch angeboten“, so Werry. Innerhalb einer Woche konnten das Paar und Leo Werrys damaliger Kompagnon Michael Fuchs die ganze Parzelle erwerben, wozu auch das Nebengebäude Hof Linde gehörte, erinnert sich Mechthild Werry an die aufregende Zeit.

Umgehend begann der akribische Grafiker, Fotograf, Verleger und leidenschaftliche Sammler mit der vorbildlichen Renovierung des denkmalgeschützten Hauses. Jede Tür, jeder Tapetenrest, jedes noch so kleine Detail wurde aufbewahrt, abfotografiert, beschrieben und wenn möglich verwendet.

„Mein Mann hat sich quasi ein Jahr lang hauptsächlich ums Haus gekümmert“, berichtet Werry. Schwerstarbeit war angesagt: Dafür verpflichteten die Bauherren für ein ganzes Jahr ein Heer junger Verwandter und Studenten, um die völlig vermüllten Gebäude zu entrümpeln. „Kein rostiger Nagel, kein noch so kleines Teilchen durfte entsorgt werden, ohne dass mein Mann sein okay gegeben hatte“, sagt Mechthild Werry. Das sei nicht immer auf Verständnis gestoßen. Aber der Denkmalpfleger habe immer gesagt: „Ich bin so froh, dass gerade Sie die Bruchbude gekauft haben“, lacht die Seniorin.

Spezialisierte Architekten und Handwerker wurden beauftragt, die Biedermeiertreppe komplett zerlegt und zur Restaurierung nach Holland gebracht. Alle Türschlösser wurden in Rothenburg ob der Tauber von einem Schmied originalgetreu restauriert. Aus den inneren Blendläden ließ Werry einen Kleiderschrank bauen, die äußeren wurden in Ordnung gebracht. Alles, was möglich war, wurde erhalten. „Aufwand oder Kosten waren dabei für meinen Mann nicht entscheidend – eigentlich war es ein kompletter Wahnsinn!“, berichtet Mechthild Werry lachend.

Um beide Häuser zum Wohnen und Arbeiten nutzen zu können, entwarf die Tochter und Architektin Susanne Ammann einen gläsernen Turm, mit dem die Gebäude verbunden wurden. Dort brachten die Eigentümer die Heizungsanlage unter und separate Zugänge für die Etagen, auf denen gearbeitet wurde. Inklusive des Ladenlokals im Gewölbekeller arbeitete und lebte die Familie damals auf 400 Quadratmetern über vier Etagen.

„Wir waren so beschäftigt – mein Mann oben mit seinen bis zu 16 Mitarbeitern im Verlag, ich unten in meiner Papeterie und Galerie – dass wir uns oft nur mittags oder abends spät trafen, obwohl wir uns immer im gleichen Haus aufhielten“, erinnert sich die Saarnerin. Es sei nicht immer leicht gewesen, denn ihr Mann habe sich so vielfältig engagiert, dass für die Familie wenig Zeit blieb.

Mit viel Liebe zum Detail hat das Ehepaar auch die Inneneinrichtung des Gebäudes, welches man mit Fug und Recht „Haus Werry“ nennen könnte, betrieben. Unzählige seltene Bücher, Bilder und Kunstgegenstände zeugen davon, wie intensiv sich beide mit Kunst und Geschichte auseinandergesetzt haben. Die Wände sind vollgehängt mit gerahmten Wallfahrtsbildchen, in den Regalen stehen dicht gedrängt Madonnen aus aller Welt.

Im Gegenzug dazu hatte Mechthild Werry ihre Sammelleidenschaft für Glanzbilder entdeckt. „Ich habe wahrscheinlich die größte Sammlung Deutschlands“, vermutet sie.