Gesungene Poesie
02.11.2008 | 18:46 Uhr 2008-11-02T18:46:00+0100
Etta Scollo brachte im Ringlokschuppen arabische Gedichte in italienischer Übersetzung auf die Bühne
Etta Scollo singt keine Lieder. Nicht einmal benutzt die Sizilianerin dieses Wort, sie nennt es „Poesie”. Sie singt so, dass diese Gedichte aus dem neunten bis zwölften Jahrhundert von auf Sizilien lebenden arabischen Dichtern, vertraut klingen. Die Künstlerin trat Samstag mit „Il fiore splendente” im Ringlokschuppen auf.
Das Streichquartett sitzt schon, ebenso zwei weitere Musiker mit ihren Lauten. Da kommt, ganz langsam, Etta Scollo auf die Bühne. Bedächtig geht sie zum Mikrofonständer, wartet kurz – und dann füllt ihre Stimme den Raum. Laut und kräftig. Da ist nichts Bedächtiges mehr, das Publikum will kurz applaudieren, doch bleibt dann stumm. Das Publikum wird zum Zuhörer.
„Ich werde für sie Poesie singen”, sagt Etta Scollo dann. „Arabische Poesie aus Sizilien”, die von italienischen Dichtern übersetzt und von der in Berlin und Catania lebenden Künstlerin in Musik umgesetzt wurde. Sie seien „ganz modern und doch uralt geblieben”, erklärt die zierliche Sängerin und, dass sie eben dies so fasziniert habe.
Etta Scollo erklärt viel an diesem Abend, gibt vor jedem Lied eine kurze Einführung fürs Einfühlungsvermögen. Dass „Il fiore splendente” übersetzt „Die leuchtende Blume” heißt, erzählt sie da etwa. Und von Beduinen und Wüste, von „surrealen Gedanken” der Poeten, von Texten über die Liebe zwischen Männern und zwischen alten Männern und jungen Frauen, von Märchen, in dem ein Mädchen die Krone ablehnt, weil sie in ein „armes Schwein verliebt” ist. Da singt sie italienische Texte, „die so schön sind”, dass sie die deutsche Übersetzung vorliest: „In ihrem Mund erglänzen Perlen. Ein einziger Kuss auf jenen Mund öffnet den Weg der Angst.”
Hoffnung ist ein Thema, das sich „wie ein roter Faden” durch die Texte zieht: „Das hat mich inspiriert.” Doch auch Heimweh findet sich häufig. Etwa bei Ibn Hamdis, der von Normannen aus Sizilien vertrieben wurde und sich in seinem mallorquinischen Exil nach seiner Heimat sehnte.
Ein Gefühl, das Etta Scollo nachvollziehen kann: „Seit ich 18 bin, reise ich durch die Welt, lebe ich Berlin und Hamburg – aber ich liebe Sizilien.” Ganz nah lässt sie die Zuhörer an sich heran. Eine Nähe, die die Lieder – pardon! – die Poesie, ihre Stimme und Gesten noch verstärken. Mal singt sie kehlig tief und tiefer, dann glasklar hoch und höher. Laut und kräftig wechseln sich mit sanft und ruhig ab, während sie mit geschlossenen Augen da steht und mit großer Geste agiert, den Musikern hinter ihr den Einsatz angibt oder auch selbst Gitarre spielt.
„Überraschungen” hat sie zudem dabei. Ein Maultrommel-Solo von Multiinstrumentalist Fabio Tricomi, ihren Bruder Sebastiano Scollo an der Renaissancelaute und den singenden Gast Nabil Salameh, der Gruppe „Radio Dervish”. Zwei Stunden singt Etta Scollo, eine Zeit voller Poesie.

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