Gerechte Verteilung

17 Uhr am Hauptbahnhof, es herrscht Hochbetrieb: Hunderte kommen von der Arbeit und sind auf dem Weg nach Hause. Menschen in gelben Schutzwesten verteilen Flugblätter an die Pendler. Die meisten Passanten stecken die Broschüre schnell wieder ein, für Gespräche bleibt keine Zeit, schließlich will niemand den Zug verpassen. Doch ab und an ruft einer der Passanten auch „Danke“. Die Leute in den Schutzwesten sind Aktive des örtlichen DGB. Seit gut zwei Wochen ist der Mindestlohn Pflicht. Dass es ihn gibt, schreiben die Gewerkschafter vor allem ihrem Einsatz zu. Nun wollen sie diesen Erfolg auch öffentlich auskosten. „Zehn Jahre haben wir dafür gekämpft“, erinnert sich Verdi-Geschäftsführerin Henrike Greven. „Damals wurden wir von vielen ausgelacht.“

„Ruhe vor dem Sturm“

In der Gewerkschaft organisiert zu sein, ist nicht mehr selbstverständlich. Gerade unter den 18 000 Geringfügigbeschäftigten vor Ort dürfte die Quote nicht besonders hoch sein. So ist die Verteilaktion auch als Werbemaßnahme zu verstehen: „Wir wollen unterstreichen, dass wir uns für alle Arbeitnehmer einsetzen. Der Mindestlohn ist ein Beispiel dafür“, erklärt Greven. Und die Broschüre, die die Gewerkschafter verteilen, zeigt, was eine Mitgliedschaft attraktiv machen soll: Service und Information.

„Die Arbeitnehmer müssen besser aufgeklärt werden“, sagt Greven. Bisher haben sich noch keine Beschäftigten gemeldet, die Probleme mit ihrem Arbeitgeber haben, weil dieser sich weigert, die 8,50 Euro pro Stunde zu zahlen. Doch die Gewerkschafterin ist überzeugt: „Das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Viele werden erst am Ende des Monats stutzig werden, wenn sie ihren Gehaltszettel sehen und feststellen, dass etwas nicht stimmt.“ Und dann könnte, so befürchtet sie, ein gefährlicher Effekt einsetzen, die Folge von zu geringem Wissen über die eigenen Rechte: Die Arbeitnehmer schweigen statt den ihnen zustehenden Lohn einzufordern.

Dem will der DGB vorbeugen, durch die Verteilaktion, aber auch durch eine Info-Hotline, die noch bis Ende März freigeschaltet ist. „In manchen Branchen fühlen sich die Betroffenen alleine. Weil es zum Beispiel keine Mitarbeitervertretung gibt. Ich kenne Fälle von Call Centern oder auch Tankstellen. Wer Probleme hat, kann sich bei uns melden.“ Und bekommt eine allgemeine Rechtsberatung, auch wenn er noch nicht Mitglied ist. „Sobald es dann aber um einen individuellen Fall geht, muss er Mitglied werden. Allerdings beträgt der Beitrag für Geringfügigbeschäftigte 2,50 Euro im Monat.“ Verdi hat in Mülheim 6500 Mitglieder – vielleicht werden es durch diese Aktion mehr.