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Dorffest im...

Gemischte Gefühle

07.02.2010 | 19:10 Uhr

Beim Dorffest im Ringlokschuppen bewegten sich die Besucher zwischen Hochkultur und Banalität. Um Volksfest zu sein, fehlt es an Rummel, um Kunst zu sein, an Konsequenz.

„Kommen Sie, kommen Sie, kommen Sie”, lockt Burkhard Forstreuter als Ringmeister an die Drehscheibe. Vor dem Schuppen verwemst derweil die männliche Dorfjugend den „Lucas” unter quietschendem Jubel der Mädchen. Die weniger Harten schießen ihrem „Girl” eine Rose oder lecken an Zuckerwatte. Die Erwachseneren haben sich an den Biertischen niedergelassen – man kennt solche Dorffeste: Sie schwanken zwischen zuviel Testosteron und zuviel Alkohol im Blut.

Wenn der Ringlokschuppen zum Dorffest ruft, muss man aber davon ausgehen, dass hinter den überkommenen Männlichkeitsritualen zumindest die Kunst als ein doppelter Boden eingezogen ist. Der Jubel der „Dorfschranzen” beim „Hau-den-Lucas” soll als Performance verstanden werden – ob die „jungen Performer” die Dorfidylle dabei ironisieren oder abfeiern, ist dem Betrachter überlassen. Derart unverfänglich, bleibt die Aktion aber so aufregend wie ein Astloch in der Biergarnitur.

Und so gestaltet sich der Samstagabend zwiegespalten: Es gibt das vordergründig klassische „Volkstheater”, den Schwank, den Regisseur Rene´ Pollesch jedoch grandios und mit spitzer Nadel gegen die bürgerliche Moral unterwandert: „Sind Sie für oder gegen das bedingungslose Grundeinkommen?” „Was? Verschwinden Sie!”, krakeelt eine herrliche Sophie Rois, die atemlos krächzt, trällert, mit den Armen rudert, um wahlweise die bedrängende Männerwelt oder kapitalismuskritische Platitüden zu überwinden: „Kapitalismuskritik beschränkt sich darauf, dass wir alle nur bessere Menschen sein müssen.” Der knackevolle Saal feiert „Ein Chor irrt sich gewaltig” mit langem Beifall.

Und da ist auch das Konzert der Berliner Rotfront, die vom Publikum – völlig aus dem Häuschen von dem Sound der quirrligen „Emigrantski Raggamuffin” – wortwörtlich auf Händen und durch den Saal getragen wird. Doch über die klebrige Zuckerwatte hinaus, die natürlich stilecht am Stand verkauft wird, fehlt dem Dorffest der verbindende Faden zwischen der offenbaren Hochkultur einerseits und dem ironisierenden Spiel mit der Dorfidylle andererseits.

Um Volksfest zu sein, fehlt es an Rummel, um Kunst zu sein, an Konsequenz. Der Boxkampf des Boxclubs Mülheim Dümpten auf der Drehscheibe ist ein öder Schau-Schlagabtausch. Der „Feuertonnentanz” besteht aus Luftgitarren-Spiel. Drinnen wettert das „Kainkollektiv” gegen die Metapher des globalen Dorfes. Es reicht. Man kann nicht immer nur Ironie leben.

Dennis Vollmer

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