Ganz selbstverständlich in Deutschland

Geschäftsführer - das klingt nach einem Job im Hintergrund, nach Organisations- und Büroarbeit. Und ganz sicher, all das gehört dazu. Michael Rubinstein, der elf Jahre lang die Geschäfte der Jüdischen Gemeinde in Mülheim, Oberhausen und Duisburg geführt hat, war nicht nur der Organisator der Gemeinde, sondern auch ihr Gesicht. Denn Rubinstein hat etwas zu sagen. Und politische Begabung hat er auch: 2012 trat er als unabhängiger Kandidat in Duisburg bei der Oberbürgermeisterwahl an und erzielte das zweitbeste Ergebnis. Sein Talent, in öffentlichen Debatten Akzente zu setzen, wird der 43-Jährige auch in seiner neuen Funktion einsetzen können. Als Geschäftsführer des Landesverbandes Nordrhein der Jüdischen Gemeinden - mit rund 16 000 Mitgliedern der größte in Deutschland - sitzt er in Düsseldorf, mitten im Zentrum der Landespolitik.

Drei große Themenbereiche waren es, die Rubinstein in seiner Amtszeit vor allem beschäftigt haben. Die Veränderungen der Gemeindestrukturen durch die Zuwanderung von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion (siehe Kasten), dann der Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften. Und schließlich: Rubinstein gehört zur jüngeren Generation deutscher Juden. Manchmal fühlt er sich dadurch genervt, immer danach gefragt zu werden, wie denn das Selbstverständnis von Juden in Deutschland heute nun aussehen würde. Denn für ihn liegt dieses Selbstverständnis in einer Selbstverständlichkeit. Und die will er selbstbewusst leben und nicht ständig hinterfragen oder rechtfertigen wollen. Meine Generation geht mit ihrem Selbstverständnis als deutsche Juden unbefangener um. Aber auch wir werden mit den schwarz-weiß-Fähnchen konfrontiert. Ich würde gerne einmal ein Buch darüber schreiben, unter dem Titel „Deutsch-jüdisch - na und?

Freilich sieht sich Rubinstein in einer Traditionslinie. Hier fällt ihm für das jüdische Leben vor Ort zuerst Jacques Marx an, der jahrzehntelang die Gemeinde geleitet hat. Für den 43-Jährigen ist aber auch der früherer Vorsitzende des Zentralrats, Paul Spiegel, eine Leitfigur. Rubinsteins Familie ist mit den Spiegels befreundet, schon als Jugendlicher kann Rubinstein beobachten, wie sich Spiegel unter nicht einfachen Bedingungen - hohe Gefährdung, viele Droh- und Schmähbriefe, ständiger Polizeischutz - für das jüdische Leben in Deutschland engagiert hat. Paul hat in einer Sprache gesprochen, die die Menschen auch verstanden haben.

Ein Talent, das Rubinstein ebenfalls mitbringt. Er hat es bereits als Autor bewiesen. „So fremd und doch so nah“ heißt das Buch, das er zusammen mit Lamya Kaddor verfasst hat.

Die liberale Muslima gehört genauso wie Rubinstein der „Generation Selbstverständlichkeit“ an. Für beide ist es selbstverständlich, ihren Glauben hier, in der Gesellschaft der Bundesrepublik, zu leben. Trotzdem erleben sie, wie sie mit Vorurteilen oder auch Unwissen konfrontiert werden. Das beste Mittel gegen Vorurteile ist aber die konkrete Erfahrung: Man muss einander kennenlernen. Wie das funktionieren kann, machen Rubinstein und Kaddor in ihrem Dialog-Buch vor. Das gemeinsame Gespräch ist immer ein Anfang. So war es auch bei den Beiden. Bei einer Tagung haben sie sich kennengelernt und gleich gemerkt, dass sie auf einer Wellenlänge sind. Für manche Journalisten sei das freilich wohl zu harmonisch, meint Rubinstein. Talkshow-Einladungen gibt es kaum, denn die Zwei streiten sich einfach zu wenig.

Auch vor Ort hat sich Rubinstein im interreligiösen Dialog engagiert. Er hat seine Gemeinde beim Mülheimer Bündnis der Religionen vertreten. Bei allen Problemen, die es noch gibt, man darf nicht vergessen, was bereits geschafft worden ist. Bei allen religiösen und kulturellen Unterschieden leben wir hier in einem friedlichen Miteinander. Und besonders im Ruhrgebiet hat sich der gebürtige Düsseldorfer wohlgefühlt: Hier in der Region besteht eine große Offenheit. Man spricht nicht über Juden, sondern mit Juden. Doch trotz allem Sinn für Zusammenarbeit, Rubinstein ist auch ein Freund des klaren Wortes. Das bedeutet für den 43-Jährigen da, wo Differenzen bestehen, diese auch klar beim Namen zu nennen. I ch galt lange als Peace-Maker. Aber ich habe auch gelernt, dass es wichtig ist, an bestimmten Punkten auf den Tisch zu hauen und klar seine Position zu vertreten. Ich finde zum Beispiel, dass die Distanzierungen islamischer Gemeinden und Verbände nach den Anschlägen von Paris deutlicher hätten ausfallen können. Und etwas anderes ärgert ihn - Rubinstein nennt es „die Stellvertreter-Rolle“, in die er sich hineingedrängt fühle. Wenn er mit Lamya Kaddor zu Lesungen eingeladen ist, aber auch bei Führungen durch das Gemeindezentrum in Duisburg, wird er fast immer auf den Nahost-Konflikt angesprochen. Gewiss, habe er auch eine Meinung dazu, aber das sei eben nur seine persönliche Auffassung. „Ich bin nicht der Außenminister Israels und kein Experte für Nahost-Politik.“ Michael Rubinstein ist einfach nur ein Jude in Deutschland - ganz selbstverständlich.

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