NRZ-Serie zur Vorsorge,...
Frühzeitig erkannter Darmkrebs ist immer heilbar
10.03.2010 | 14:24 Uhr 2010-03-10T14:24:00+0100
Mülheim. Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebsart bei Männern. Regelmäßige Untersuchungen wie die Darmspiegelung erkennen den Krebs im Frühstadium – und sorgen dafür, dass die Heilungschancen bei 100 Prozent liegen. Was die Früherkennung angehen, neigen die Deutschen jedoch zu sorglosigkeit.
Nach der Prostata und der Lunge ist der Darm bei Männern das Organ, das am dritthäufigsten vom Krebs befallen wird. Jährlich kommen deutschlandweit etwa 75000 Neuerkrankungen hinzu. Regelmäßige Untersuchungen wie die Darmspiegelung erkennen den Krebs im Frühstadium – und sorgen dafür, dass die Heilungschancen bei 100 Prozent liegen. „Es gibt eigentlich keine wirklich guten Alternativen dazu“, betont Dr. Philip Hilgard, Chefarzt der Inneren Medizin und Gastroenterologie am Evangelischen Krankenhaus Mülheim.
Ich merke doch, wenn ich krank werde
Die Deutschen neigen zu dieser Sorglosigkeit: Ich merke nichts, also habe ich auch nichts. Ein Trugschluss, weiß Dr. Philip Hilgard: „Symptome entwickelt sich erst, wenn ein Tumor schon weit fortgeschritten ist. Und wenn der schon groß ist, ist er auch nicht selten metastasiert.“ Erste Anzeichen sind chronische Bauchschmerzen, Blut im Stuhl, tastbare Verhärtungen im Bauchraum und ungewollter Gewichtsverlust. „Ein Tumor kann fünf bis zehn Jahre vor sich hinschwelen“, erklärt der Mediziner, „deshalb spielt die Früherkennung eine große Rolle.“ Und zu glauben, das passiere nur anderen, nicht mir, hilft nicht: „Die Quote der Erkrankten liegt bei 6 Prozent. Das heißt: Mehr als jeder 20. bekommt Darmkrebs. Da hilft nur eins: mehr Aufklärungsarbeit.“
Darmkrebsvorsorge muss man doch erst ab 55 Jahren machen
Das ist nicht ganz richtig. „Dass man ab 55 alle zehn Jahre eine Darmspiegelung macht, ist eine Empfehlung der Krankenkassen“, erklärt Philip Hilgard, „aber die richtet sich nach ökonomischen Gesichtspunkten – der ärztliche Hintergrund spielt da eigentlich keine Rolle.“ Vorher werden die Untersuchungen allerdings nicht von den Krankenkassen übernommen. Sinnvoll sei es dennoch, bereits mit 40 Jahren eine Darmspiegelung vornehmen zu lassen. Erst recht, wenn man schon eine andere Krebsform erleidet hat. Hilgard: „Wenn man andere Tumore hatte, beispielsweise in der Lunge oder in der Brust, kann es auch im Darm häufiger zu früheren Tumorentwicklungen kommen.“ Die Vorsorge wird übrigens erst nach zehn Jahren wiederholt, weil man bei einem negativen (!) Befund davon ausgeht, dass sich Vorstufen des Darmkrebs erst nach sieben bis zehn Jahren entwickelt haben.
Mein Vater hatte Darmkrebs – muss ich mich dann auch schon mit 30 Jahren untersuchen lassen?
„Schaden kann es nicht“, sagt Dr. Hilgard, denn bei Darmkrebsfällen in der Familie ist das Risiko, selbst zu erkranken, deutlich höher. Daher gilt die Faustregel: Man soll sich zehn Jahre vor dem Alter untersuchen lassen, in dem bei dem direkten Familienangehörigen der Krebs diagnostiziert worden ist.
So eine Darmspiegelung ist richtig schmerzhaft und sogar gefährlich
Ein Vorurteil, mit dem Dr. Hilgard gerne aufräumt: „Das ist nicht mehr schmerzhaft, die Patienten bekommen davon nichts mit.“ Die Patienten bekommen eine kleine Beruhigungs- oder Kurzschlafspritze (keine Narkose!) und merken gar nicht, wie bei der knapp 20-minütigen Untersuchung eine hochauflösende Kamera in einem flexiblen Schlauch den Darm erforscht. Dass es mal zu kleinen Einrissen im Darm kommt, passiert laut Dr. Hilgard in einem von 1000 Fällen. Bei einem geübten Facharzt (Gastroenterologe) ist das Risiko aber gering, „die Vorsorge ist ja eine Domäne der niedergelassenen Kollegen“, sagt Philip Hilgard.
Nach der Darmspiegelung geht’s mir echt mies
Manchmal ist es so, es hängt aber auch von einzelnen Personen ab. „Die Luft, die in den Bauchraum gegeben wird, benötigt natürlich Zeit, bis sie auf einem natürlichen Weg wieder abgegeben ist“, sagt Philip Hilgard, „das sind dann leichte Blähungsbeschwerden.“ Gelegentlich kommt noch Übelkeit hinzu – die einzige Nebenwirkung: Im Falle der Beruhigungsspritze sind die Patienten an dem jeweiligen Tag nicht mehr verkehrstüchtig.
Ich kann eh nicht beeinflussen, ob ich Darmkrebs bekomme oder nicht
Was erbliche Vorbelastungen angeht, ist dies richtig. Allerdings weiß Philip Hilgard auch: „In Westeuropa ist Darmkrebs häufiger vertreten als in Japan.“ Mit der richtigen Ernährung ist eine Erkrankung natürlich nicht auszuschließen, doch das Risiko ist geringer. Ballaststoffarmes und fettreiches Essen fördert die Gefahr ebenso wie starker Alkohol- und Nikotingenuss sowie Bewegungsmangel. Eine weitere Risikogruppe sind die (insulinpflichtigen) Typ-2-Diabetiker. Hilgard: „Weil man es aber nicht ganz verhindern kann, ist Vorsorge umso wichtiger.“
Ist ein gutartiger Polyp als Vorbote einmal entfernt, kann mir eh nichts mehr passieren
Im Gegenteil, sagt Dr. Hilgard: „Gerade die Patienten, die Polypen hatten, sollten sich in kürzeren Abständen als zehn Jahren Vorsorgeuntersuchungen unterziehen.“ Möglichst alle drei bis fünf Jahre, denn „die Möglichkeit, dass Polypen nachkommen, liegt bei 50 bis 60 Prozent“.
Mir ist das Darmabtasten peinlich – gibt es auch eine andere Art der Vorsorge?
Im Alter zwischen 50 und 54 übernehmen die Krankenkassen diese Untersuchung, bei der der Enddarm durch den Arzt abgetastet wird. „Diese Maßnahme ist eigentlich ungeeignet“, weiß Hilgard, „allenfalls ein geringer Teil der Tumore befindet sich im Enddarm.“ Sinnvoller ist der Stuhltest, bei dem man okkultes Blut im Darm feststellen kann und den man alternativ zur Spiegelung ab 55 Jahre auch alle 48 Monate machen lassen kann. Sicherste und effektivste Methode bleibt aber die Darmspiegelung.

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