Frau mit vielen Rollen
05.11.2009 | 09:00 Uhr 2009-11-05T09:00:00+0100Das Handwerkszeug von Pamela Brockmann füllt einen Reisekoffer mittlerer Größe. Handpuppen drängen sich darin: Clown und König, Polizist und Prinzessin, Hexe und Teufel. Dauernd kommen neue Typen dazu – von Kindern geschaffen, denn die 40-Jährige ist Puppenspiel-Therapeutin.
Pamela Brockmann, die seit 15 Jahren mit Freunden in einer Puppenspieltruppe auftritt, „Krawuzikapuzis”, möchte dieses Hobby zum Beruf machen. Ohne jedoch ihre ursprüngliche Profession aufzugeben, die sich nicht aus dem Koffer entwickelt, eher im Laptop: Mathematik hat Pamela Brockmann studiert, ist als Systemanalytikerin mit der Entwicklung von Software befasst. Dieses Jobs wegen zog sie 1995 nach Mülheim.
Eine Teilzeitstelle hat sie, „mit flexiblen Arbeitszeiten und – das ist das Tolle – als Heimarbeitsplatz”. Aus ihrer Sicht günstig, da sie zwei Kinder hat, zehn und sechs Jahre alt. Flexibilität braucht Pamela Brockmann auch beim Aufbau ihres zusätzlichen Standbeines. Sie hat sich fortgebildet zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und zur Puppenspiel-Therapeutin, was an einem privaten Institut mit Sitz in Frankfurt/Main möglich ist.
Nach einigen Monaten Praktikum an der Kinderklinik Gelsenkirchen bietet Pamela Brockmann diese Methode nun unter dem Dach einer Beratungspraxis in Heißen an. Sie ist übrigens der Ansicht, dass sich ihre beiden Berufe berühren: „Ich habe eine Vorliebe für analytisches Denken. Das hilft mir auch hier unglaublich.” Hier: im Umgang mit Kindern und Figuren. „Ich kann gleichzeitig verstehen und weiterspielen.”
Mitspielen muss sie, ist nicht nur Zuschauerin. Führt aber auch nicht Regie: Das Kind wählt die Charaktere und gibt den Gang der Geschichte vor. Die Therapeutin klärt durch Nachfragen: „Ist das ein böser oder ein lieber Zauberer? Es kann sein, dass ich in einem Spiel acht Rollen übernehme.”
Idealerweise beginnt die Begegnung, indem das Kind seine eigene Figur anfertigt. „Ich brauche ein Einhorn” – diesen Bedarf festzustellen, dieses Bedürfnis zu äußern, ist aus Sicht der Therapeutin ein erster wichtiger Schritt. Sie gibt ihren kleinen Klienten ein Stück Styrodor an die Hand, Dämm-Material aus dem Baumarkt, und ein schlichtes Küchenmesser, um daraus die Konturen des Kopfes zu schneiden. Textilreste bilden den Körper.
Hände haben die Figuren nicht. Wer spielt, steckt seine Finger durch Schlitze im Stoff: „So kann man Gegenstände besser greifen, andere Figuren oder den Mitspieler berühren.” Als Bühne dient ein Bügelbrett, höhenverstellbar.
In der Gelsenkirchener Kinderklinik, auf der Station für Psychosomatik, hat Pamela Brockmann mit chronisch kranken Patienten gearbeitet, die an Neurodermitis leiden, Asthma oder dauernden Bauchschmerzen. Die Puppen halfen besonders bei der Diagnose: Faktoren zu finden, die Symptome auslösen.
"Sehr gute Erfahrungen" in der Kinderklinik
Auch für die Klinik war dies ein Versuch mit einer neuen Methode: „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht”, sagt Dietmar Langer, der leitende Psychologe. „Gerade die Zehn- bis Zwölfjährigen sind unglaublich darauf angesprungen. Die Kinder erzählen ja nicht.” Eher drücken sie im Rollenspiel aus, was ihnen solche Kopf- oder Bauchschmerzen bereitet, dass sie mitunter monatelang nicht zur Schule gehen. Oder was den Druck erzeugt, der ihre Neurodermitis verschlimmert.
Zwischen vier und zwölf Jahre sind Pamela Brockmanns Klienten. Vor der ersten Runde steht ein Vorgespräch mit den Eltern. Nebenbei: Nicht nur zur Diagnose sei die Methode geeignet, sagen Langner wie Brockmann, sondern könne auch bei der Behandlung helfen. Etwa, indem von Angst belastete Kinder mit Hilfe der Handpuppen alternative Reaktionen erproben. Da wehrt sich das hilflose, schutzbedürftige Prinzesschen plötzlich energisch.
"Erwachsene haben oft Hemmungen"
Grundsätzlich sei das therapeutische Puppenspiel auch für Jugendliche und Erwachsene „wunderbar geeignet”, meint Pamela Brockmann. „Aber die haben oft Hemmungen zu spielen.” Sie selber natürlich nicht. Es gibt eine Puppe, selbstredend aus eigener Herstellung, die sie ganz besonders mag: ihren „Glücksdrachen”, dessen markanter Kopf in einem alten Stück Strickpullover steckt. „Er hat sich schon bei einigen Wendungen in meinem Leben als hilfreich erwiesen." Ähnliche Erfahrungen gönnt sie anderen.
Wichtig zu wissen
Die Puppenspiel-Therapie läuft in der Bildungs- und Beratungspraxis an der Buggenbeck 80b, Tel. 4396848, Mail: Pamela.Brockmann@t-online.de. Weitere Infos und Links findet man auch unter www.puppenspiel-als-therapie.de. Pro einstündiger Sitzung berechnet Pamela Brockmann ca. 60 €. Krankenkassen erstatten die Kosten nicht.

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