Fluchthelfer erinnert sich an Teilung Deutschlands
15.08.2011 | 18:00 Uhr 2011-08-15T18:00:00+0200
Mülheim. Wenn der Wahl-Mülheimer erzählt, glaubt man einen Thriller über den Kalten Krieg zu hören: Doch alles ist wahr, betont der heute 70-Jährige Zeitzeuge der Teilung Deutschlands. Er schleuste als Spediteurkaufmann Menschen in den Westen.
Viel Zeit zum Denken bleibt dem Spediteurkaufmann Alexander Wiegand nicht: In Helmstedt, wo 1968 der Osten in Grenzen noch durchlässig ist, bittet die Volkspolizei ihn den Motor auszustellen. Etwas kommt ihnen verdächtig vor. Doch Wiegand zieht den Handgaszug durch, sein 192er Bussing – ein Lkw mit Sattelzug – gibt Stoff. Rechtzeitig duckt sich der 27-Jährige zu Boden, hört, wie die Schüsse der Vopos durch die Fahrerkabine pfeifen, sieht noch, wie sich die schweren Betonmauern langsam schließen.
Mit dem Führerhaus kommt er durch auf westlichen Boden, den Anhänger muss er der Deutschen Demokratischen Republik hinterlassen. Doch das Wichtigste hat er dabei: eine junge Frau, die erste von über 130 Menschen, die Wiegand zwischen ‘68 und ‘72 rübergeschleust hat.
Wenn der Wahl-Mülheimer erzählt, glaubt man einen Thriller über den Kalten Krieg zu hören. Doch alles ist wahr, betont der heute 70-Jährige. Als man in Berlin 1961 den ersten Stacheldraht zog , schaffte es Wiegand mit seinem Fiat gerade noch durch das Brandenburger Tor, „zehn Minuten später, und ich hätte im Ost-Block bleiben müssen“, sagt der Zeitzeuge: „Das geteilte Deutschland – für mich war das unfassbar.“
"Mir ging es darum, anderen zu helfen"
Wiegand fährt regelmäßig Granulat- und Leichtmetall-Lieferungen von West nach Ost. Als ein Freund von einer Freundin erzählt, die im Osten zurückblieb, schmiedet Wiegand Pläne für einen waghalsigen Transfer von Ost nach West – „mir ging es darum, anderen zu helfen, Geld habe ich dafür nie genommen“, betont er. Die erste „illegale Schmuggelware“ heißt Ilona Koch. Auf einer Metallplatte unter dem Führerhaus des Lkw muss sie ausharren. Als die Helmstedter Grenzbeamten Verdacht schöpfen, setzt Wiegand alles auf eine Karte und bricht durch die Absperrung.
Den überzeugten Demokraten schreckt das gefährliche Erlebnis nicht ab. Er will weitermachen, nur ist er inzwischen an der Grenze bekannt. Mit falschen Pässen, unterstützt von der Bundespolizei, wagt er die nächste Aktion für eine Frau mit Kind. Beide bringt er ohne Wissen des Fahrers auf einem fremden westdeutschen Lkw zwischen Kabeltrommeln unter. Wiegand fährt vorweg. Als beide rüber sind, halten Beamte den Laster an, Frau und Kind steigen ab – gerettet.
Drei Monate Dunkelhaft in Tschechien
Immer neue Listen denkt sich der damals 28-Jährige aus, knüpft Kontakte zu Grenzwachen in Tschechien, die den „Schleuser“ unterstützen wollen. Sein Lkw bekommt eine Zwischenwand, hinter der sich Menschen ein paar Stunden verbergen können. „Die Wand haben wir mit Sprühlack verkleidet, damit Polizeihunde die Flüchtlinge nicht riechen können.“ Über 130 Menschen schafften es so an den Augen der Volkspolizei vorbei. Bis zum 30. April 1972. Weil ihm ein Stempel fehlt, darf sein Lkw nicht durch, doch der 1. Mai ist Feiertag, Wiegand soll den Wagen bis zum 2. stehen lassen. Und die Menschen hinter der Wand? Die Vopos schöpfen Verdacht und setzen ihn fest.
Der Fluchthelfer erfährt die ganze Härte des sozialistischen Staates: Drei Monate verlebt er in Dunkelhaft in Tschechien, gefesselt an Händen und Füßen: Man will an seine Verbindungsleute. Erzählt er davon, kämpft der 70-Jährige noch immer mit den Tränen. Man bot ihm die Freilassung an, wenn er als verdeckter Informant arbeiten würde, „doch ich habe niemanden verraten.“
Mit der Hilfe eines Mitgefangenen gelang es ihm 5000 DM in Seifen, Zahnpasta und Dosen ins Gefängnis zu schmuggeln. Damit bestach er einen Wachmann und einen Arzt, der ihm lähmende Mittel spritzte und ihn in ein Krankenrevier verlegte. Wegen seiner „Krankheit“ konnte ihn die bundesdeutsche Botschaft auslösen. Den 1. September 1976 vergisst er nicht: Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher überreichte ihm am Flughafen nach Deutschland den Pass mit den Worten: „Sie sind jetzt ein freier Mensch.“

20:30
Hunderte Erschossene an der Mauer, tausende Bootsflüchtlinge?
Diese ewigen Wiederholungen und permanenten Übertreibungen machen Märchen auch nicht wahrer!
Naiv ist eigentlich nur jener, welcher der 20 Jahren laufenden Propagandaschlacht der hiesigen korrupten Medien auf den Leim geht.
Ja, es gab Mord und Unrecht an der Grenze zweier feindlicher Systeme, aber auf beiden Seiten. Was jetzt abläuft, ist lediglich die Arroganz der Sieger!
Der Sozialismus ala DDR muss endgültig und mit allen Mitteln verunglimpft werden, damit sich die wachsende Armut in diesem Lande mit ihrer Lage abfindet, basta!
16:56
#2von Pase_Lacki: Behalten Sie von mir aus Ihre Naivität. Es bedarf übrigens - wie Sie vermutlich für jeden Neonazi als gesichert annehmen würden - nicht unbedingt der Geburt in einer Diktatur, um deren Ideologie anzuhängen.
Es bedarf auch keiner weiteren Nachweise, wes Geistes Kind die Mülheimer LINKEN sind, wenn Sie beispielsweise jüngst Ellen Brombacher eingeladen haben, die Bundesprecherin der Kommunistischen Plattform, die es ja bekanntlich ablehnt, das Regime der DDR als verbrecherisch zu bezeichnen (»Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte«). Oder auf der gleichen Veranstaltung Martin Hantke, der sich als einer der prominentesten Gegner von Aktionen gegen Diktator Gaddhafi aufgestellt hat. Der arme Mann freut sich ja über jeden gleichgesinnten Freund!
Für den der Sprache mächtigen Leser ist allerdings auch das Papier, das die LINKE zum Mauerbau verabschiedet hat, an Heuchlertum nicht zu überbieten. Da wird scheinbar der Bau der Mauer kritisiert - vermutlich um einen Verbotsantrag zu verhindern und die westdeutschen Naiven nicht zu irritieren. Um dann jedoch zum Schluss zu erklären, man müsse aber nun mal ehrlich über die Berliner Mauer (der große Rest, an dem ebenfalls Hunderte erschossen wurden, scheint nicht zu zählen!) diskutieren. Schließlich kämen ja auch Tausende Bootsflüchtlinge um. Und was die fehlende Reisefreiheit in der DDR anginge: Na, wozu die Aufregung - in der Bundesrepublik könnten sich ja auch viele Menschen keine Urlaubsreise leisten. Wer so mit der Vergangenheit umgeht, der hat sie noch nicht losgelassen - und wird das auch nicht mehr tun. Das ist der neue Ton der alten SED. Das nächste Argument wird sein, dass sich viele Menschen mit Westautos totfahren - da dürfe man doch ruhig mal die Todesschüsse an der Mauer gegenrechnen. Ich bleibe dabei: Übelkeit erregend!
09:43
Ganz mutiger Mann, ohne Frage. Davon hätte es mehr geben sollen. Warum allerdings sollte ein Parteiableger in Mülheim unbedingt einen Beitrag zum Mauerbau auf der Webseite veröffentlichen. Ich guck da zwar nie nach, aber gab es das auf den Seiten der Mülheimer CDU, SPD, FDP, WIR, MBI oder den Grünen?
Ich selber spiele schon seit Jahren mit einem Beitritt zur Linkspartei, habe aber weder mit der ehemaligen SED noch deren ehemaligen Anliegen etwas am Hut. Ganz im Gegenteil. Das ehemalige Regime im Osten finde ich keinen Deut besser, als die faschistoiden Regime in Europa im 20. jahrhundert. Alles der gleiche Rotz. Warum aber hier Leuten (z.T. aus der WASG) immer und immer wieder vorgeworfen wird, sie wären Kommunisten oder Verfechter der ehemaligen DDR, ist mir schleierhaft. Viele der dortigen Mitglieder haben alleine altersbedingt nichts mit der DDR zu tun, sehen aber sonst keine politische Alternative: SPD und CDU - gähn, hauptsache sein Schäfchen ins Trockene bringen. FDP und Grüne unterscheiden sich nur noch durch die Vereinsfarben voneinander, ansonsten sind beide klassische Parteien für die junge Mittel- bis Oberschicht. Verbote, Gängelungen, alles unter dem Deckmantel der Fürsorge. Würg. Für viele ist die Linkspartei zumindest in etwa so etwas, wie es die Grünen Anfang der 80er Jahre für viele waren. Da haben die etablierten Parteien und Wähler aber auch nur mit dem Kopf geschüttelt, bis Sie festgstellt haben, dass die Zeit der alten Strukturen vorbei ist.
PS: Ich glaube, die meisten Geschichtslehrer hätten Interesse an einem Besuch von Herrn Wiegand, könnte er das für vele trockene Thema Geschichte doch ein wenig wirklichkeitsnah aufbereiten.
22:26
Angesichts dieser Geschichte eines unglaublich mutigen Mannes muss es einem wie Hohn vorkommen, dass auf den Internetseiten der Mülheimer LINKEN kein Beitrag zum Mauerbau und zu den vielen Hundert Ermordeten an der Grenze zu finden ist. Vermutlich wollte man sich aber bei den hiesigen Getreuen nicht die Blöße geben, öffentlich genau wie die Genossen auf dem Rostocker Parteitag ein Bekenntnis zur Mauer abzugeben oder wie das kommunistische Organ Junge Welt der bewaffneten Staatsmacht der DDR nachträglich für Unterdrückung und Mord Dank zu sagen. Und es bereitet mir Übelkeit - ob in Mülheim oder ganz NRW - die Quasi-Koalitionen mit der SED-Nachfolgepartei anschauen zu müssen. Ich bin mal gespannt, welche Schule es wagt, Herrn Wiegand in den Geschichtsunterricht einzuladen. Vermutlich wird das an ver.di-Protesten scheitern.