Flucht in die vom Krieg zerstörte Heimat

Heinz Auberg, der sich heute unter anderem im Geschichtsgesprächskreis Styrum für die Dokumentation der lokalen Geschichte engagiert, war 13 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Die Lieder, die er im Krieg mit seinen Kameraden beim Jungvolk sang hat er heute noch im Kopf. „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit“ oder: „Unsere Fahne flattert uns voran“, hieß es da. Und im Kino schauten seine Freunde und er sich Filme, wie „Der große König“ oder“: „U-Boote westwärts“ an. Auch der Fahnen-Appell zu Führers Geburtstag am 20. April war für seine Altersgenossen und ihn Pflichtprogramm. „Die Ideologie, die dahinter stand, haben wir als Kinder nicht erkannt. Wir hatten Spaß an unseren Märschen und Geländespielen, obwohl diese natürliche eine Vorbereitung auf den Krieg waren“, erinnert sich Auberg.

Was Krieg bedeutet, begriff er erst im Juni 1943, als seine Schule an der Ecke Adolfstraße/Kaiserstraße von alliierten Bomben zerstört und sein Elternhaus an der Friedrich-Karl-Straße schwer beschädigt wurde. Weil die oberen Geschosse des Hauses unbewohnbar geworden waren, musste sich die Familie über das Kriegsende hinaus notdürftig im Keller einrichten.

„Wie soll es jetzt weitergehen?“

„Jetzt sind wir dran. Wie soll es jetzt nur weitergehen?“, hat er sich damals gefragt. Für ihn ging es weiter in die Kinderlandverschickung, zunächst nach Kärnten und später nach Böhmen und Mähren. Nach vergleichsweise friedlichen Monaten, in denen Auberg und seine Mitschüler vom Krieg unbehelligt gemeinsam lernen, spielen und sich auch vergleichsweise gut ernähren konnten, begann für sie im Frühjahr 1945 eine odysseeartige Flucht vor der Roten Armee, zu Fuß, auf LKWs, in überfüllten Zügen oder auch in Güterwagons. Zum Teil warfen die Kinder Schuhe und Kleidung weg, um ihr Marschgepäck leichter zu machen. Übernachtet wurde zum Teil in leerstehenden Schulen und Bahnhofshallen. „Wir wollten einfach nur nach Hause und erfuhren in Budweis davon, dass die Amerikaner im Ruhrgebiet einmarschiert waren“, erinnert sich Auberg. Erst Anfang August sollte er Mülheim wiedersehen. „Ich staunte darüber, dass die Straßenbahn schon wieder fuhr. Aber die Stadt war eine einzige Trümmerlandschaft. Und weil es noch zu wenige intakte Klassenzimmer gab, unterrichteten einige Lehrer in ihren Wohnungen“, erinnert sich Auberg an das Nachkriegs-Mülheim, auf dessen Straßen 1945 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt lagen. Eine Lokomotive, der „feurige Elias“ zog den Trümmerschutt in Loren auf den Straßenbahnschinen hinter sich her, etwa in Richtung Flughafen, wo sich ein Schuttablageplatz befand.

Auberg erinnert sich an Hamsterfahrten bis nach Hannover, um Kartoffeln und Brot mit nach Hause zu bringen, ebenso, wie an den nächtlichen Kohlenklau am Speldorfer Bahnhof oder an die mildtätige Schulspeisung der Schweden, die seine hungrigen Klassenkammeraden und ihn zeitweise satt machte. Mit einem Onkel organisierte er in Oberhausen Material für den Wiederaufbau des Styrumer Elternhauses. Doch bis 1947 blieben sein Bruder Horst und er dort Kellerkinder.