„Film ab“ für Tim

Jeden Morgen holte Tim seinen Freund ab, um halb acht stand er vor seinem Haus. Pünktlich. Und auch mittags stand er wieder vor der Tür des Freundes. Jeden Tag. Tim klammerte sich an die Freundschaft, denn es war die einzige, die er hatte. Doch er klammerte so sehr, dass es dem Freund zuviel wurde. Tim verstand es nicht. Er ist Autist. Seine Mutter suchte Hilfe im Autismus Zentrum Mülheim. Tobias Schüppen erinnert sich noch genau an das erste Treffen vor vier Jahren: „Ich hätte gerne Freunde“ sagte Tim zu ihm, ohne ihn wirklich anzuschauen. Hier setzte der Diplom-Sozialarbeiter an. Er arbeitete mit Tim nach der Marte Meo-Methode, eine viedeounterstützte Therapieform, die von der Niederländerin Maria Aarts Ende der 80er Jahren entwickelt wurde und mittlerweile weltweit anerkannt ist. Sie wird viel in der Frühförderung, aber auch bei Demenzkranken eingesetzt.

Das Autismus Zentrum in Mülheim arbeitet seit fünf Jahren mit der Methode, die den Eltern, anderen Bezugspersonen oder auch den Autisten selbst mit Hilfe von Videosequenzen ihr Verhalten bildlich erklärt und anschaulich analysiert. Was läuft gut in der Kommunikation? Welche Fähigkeiten sind vorhanden? Worauf kann man aufbauen? Gefilmt werden Situationen des Alltags, die gut klappen, aber auch solche, in denen es Stress gibt. Anhand der Filme „arbeitet man sich an die Probleme ran“, erklärt Tobias Schüppen. In Folgefilmen werden die Fortschritte festgehalten.

Blickkontakt

Mit Tim spielte er zunächst „Das Labyrinth“ und filmte dies. „Während ich sagte, ich lege dann jetzt die Kugel da hin, sprach Tim gar nicht. Er nahm immer nur die Kugel und legte sie einfach. Er guckte nicht zu mir. Und als er sich freute, lachte er, aber auch nicht mich an“, beschreibt Tobias Schüppen das erste Spiel. Danach schauten sich beide den Film an und Schüppen erklärte Tim: „Wenn Du Freunde finden willst, dann musst du auch mit ihnen reden. Sie anschauen.“ „Autisten sagen nicht, was sie tun. Wenn sie aus dem Raum gehen, sagen sie nicht warum. Sie machen es einfach“, erklärt Tobias Schüppen. Tim verstand, was sein Therapeut meinte. Er lernte, zu sagen, was er macht, was er als nächstes vor hat. Beim zweiten Spiel beschrieb er bereits, was er tat, „ich freue mich, ich leg die Kugel in die 3. Reihe links.“ So konnte Tobias Schüppen das Gesagte aufgreifen und ein Gespräch aufbauen. Tim lernte langsam, aber stetig dazu. Nach ein paar Monaten war die Therapie zu Ende. Vor kurzem hatte Tobias Schüppen Tim wiedergetroffen, zufällig. „Er sagte: Ich freue mich, dich wiederzusehen. Das ist für einen Autisten eine besondere Aussage“, sagt Schüppen.

Heute ist Tim 17. Er hat Freunde, hatte mittlerweile sogar „Dates“ – und er hat eine Lehrstelle gefunden, zum Kinderpfleger.