Fast ein Zuhause, doch weit weg von den Eltern

Blick in ein Zimmer der WG für minderjährige Flüchtlinge in Mülheim.
Blick in ein Zimmer der WG für minderjährige Flüchtlinge in Mülheim.
Foto: FUNKE Foto Services

Mülheim.. Es duftet köstlich im Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses am Frohnhauser Weg: Omid (17) hat gekocht. Hähnchen, Reis und Gemüse gibt es heute für Khaled (15), Yussef (17) und Sina (16). Die vier Jungen, die aus Afghanistan und dem Iran stammen, gehören zu den ersten, die Mitte Dezember in jene Häuser eingezogen sind, die der SWB der Stadt für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung gestellt hat. In einem der Häuser hat das Jugendamt eine Wohngemeinschaft für minderjährige Flüchtlinge eingerichtet, zwölf Jungen sind sie zurzeit.

Omid und die anderen drei teilen sich eine der sechs Wohnungen. Ein Schlafzimmer mit mehreren Betten, Küche, Bad und Wohnzimmer. Gemütlich eingerichtet, wie die Wohnung der anderen Jungs nebenan auch ist, aufgeräumt und sauber, eine Schale mit Obst, Kerzen und Blümchen auf dem Tisch, Bilder an den Wänden und viele Kissen auf dem Sofa. Und der Besuch wird auch gleich zum Mitessen eingeladen. Christa Wadle, Sozialarbeiterin und Teamleiterin der Einrichtung, lobt ihre Jungen: „Ich bin immer wieder ganz erstaunt, wie gut die das alles hinkriegen.“

Betten und Schränke waren vorhanden, der Rest, der eine Wohnung erst zum Zuhause macht, musste organisiert werden, die Jungen haben mit angepackt. Jetzt sieht es hier ein bisschen so aus wie im Internat, die Jungs erzählen von der Schule, von Hausaufgaben, vom Fußballspielen, dass sie beim Kegeln waren, im Theater und im Kino.

„Seit ich hier bin, ist alles gut“

Dass die Atmosphäre im Haus so normal, so familiär wirkt, liegt am Einsatz der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die sich rund um die Uhr um die Jungen kümmern. Zwischen 14 und 17 Jahren sind diese alt, jeder hat sein eigenes Schicksal, seine eigene Fluchtgeschichte hinter sich. Was sie alle gemeinsam haben ist, dass ihre Eltern sehr weit weg sind. Manche haben noch Kontakt zu ihren Familien, andere, wie ein 14-jähriger Syrer oder die drei Jungen aus dem westafrikanischen Guinea, haben schon lange nichts mehr von zu Hause gehört.

Ohne Sozialarbeiter wie Ahmed Gassa, der neben Deutsch und Arabisch auch Französisch spricht, ohne Übersetzer wie Karan (Arabisch, Farsi, Deutsch), wäre keine Kommunikation möglich. In drei Monaten, länger ist noch keiner von den Jungen hier, kann man ja nicht ausreichend Deutsch lernen.

Dabei gehen die meisten der Jungen mit diesem Ziel zur Schule, um dann als Seiteneinsteiger auf die passenden Schulformen verteilt zu werden. Am Berufskolleg Lehnerstraße, der Realschule Broich und auch am Karl-Ziegler-Gymnasium gibt es internationale Klassen. Die besucht zum Beispiel Sina, der später einmal Zahnarzt werden möchte, zwischen 7 und 16 Uhr mit Kindern aus Spanien, Frankreich und Italien. Aber in der Wohngemeinschaft leben auch Jungen, die keine Schulerfahrung haben.

„Seit ich hier bin“, sagt der 16-jährige Sina, „ist alles gut.“ Er hofft, dass er irgendwann mal vergelten kann, was er in Mülheim Gutes erlebt hat, übersetzt Karan. Die anderen Jungen stimmen ein, bedanken sich bei allen, die es ihnen möglich machen, hier so leben zu können. Und einer sagt, dass er jetzt wieder Hoffnung hat, dass er doch noch etwas erreichen kann im Leben.

Begleitung zu Ämtern, Schulen, Ärzten

Das Jugendamt hat die Interkulturelle sozialpädagogische Familienhilfe (ISF) mit der Betreuung der Jungen beauftragt. Die fünf Mitarbeiter des freien Trägers, der in Mülheim sitzt, sind alle mehrsprachige pädagogische Fachleute, die auch als Übersetzer und Kultur-Vermittler wirken können, wie ISF-Gründer Rachid Garnaoui erklärt.

Drei bis vier davon begleiten die Jungen nicht nur zu Terminen ins Jugend- oder Ausländeramt, in die Schule und zum Arzt, sondern übernehmen auch die Rollen von Vater, Mutter, Onkel, Tanten. Man merkt, wie vor allem die noch unsicheren jüngeren Kinder die Nähe zu den Pädagogen suchen. Eins der Kinder ist in psychologischer Betreuung. „Wir sind noch in der Clearingphase“, erklärt der aus Marokko stammende Rachid Garnaoui. „Wir wissen noch nicht genau, welche Bedürfnisse da sind.“

Wie es so läuft in Deutschland, auch das vermittelt das ISF-Team, das das Zusammenleben im Haus organisiert. Natürlich gebe es reichlich Diskussionen mit den Jungen, um Sauberkeit, um die Verteilung der Aufgaben. „Das ist normal. Die sind alle in der Pubertät“, sagt Garnaoui. Wenn ein Junge sich strikt weigert, zu kochen, fragt er genau nach den Gründen. Das sei einer gewesen, der zu Hause schon gearbeitet hat, Verantwortung getragen und seine Familie versorgt habe. Doch die Regeln gelten nun mal für alle: Zettel mit der Hausordnung hängen in drei Sprachen im Hausflur. Das klappt offenbar gut: „Wir versuchen, es so zu machen, dass es wie zu Hause ist“, sagt Garnaoui.