Familienfest zum 100. Geburtstag

Die Mülheimerin Hedwig Bender musste nach dem Tod ihrer Mutter früh erwachsen werden.

Mühlheim.. Der fünfjährige Moritz, jüngster Urenkel, trägt am heutigen Dienstag auf eigenen Wunsch eine Krawatte zum weißen Oberhemd. Schließlich sind vier Generationen zur Feier eines besonderen Tages versammelt: Hedwig Bender wird hundert Jahre alt.

Nun ist dies allein keine Seltenheit mehr in Mülheim. Viele Menschen hier in der Stadt erreichen ein hohes Alter, aber wohl wenige in ähnlich guter Verfassung wie die Dümptenerin. Seit 1960 wohnt Hedwig Bender dort im eigenen Haus, Tür an Tür mit Sohn und Schwiegertochter, lange auch noch mit zwei Enkelkindern, und augenscheinlich mit ihrem Leben zufrieden: „Wir haben uns noch nie richtig gestritten.“ Sie hocken sich auch nicht pausenlos auf der Pelle.

Die alte Dame wird werktags von Seniorendiensten abgeholt: zum gemeinsamen Mittagessen mit anderen, zu Freizeitangeboten. Nachmittags kehrt sie dann wieder nach Hause zurück.

Bis vor etwa fünf Jahren ging Hedwig Bender auch noch regelmäßig zur Gymnastik beim Dümptener TV, dann löste sich die Gruppe aus Altersgründen auf. An ihr lag es nicht. „Ich habe immer viel Sport getrieben und war seit meiner Kindheit im Turnverein. Meine Mutter legte großen Wert darauf.“

Ein bewegtes Leben

Aufgewachsen ist Hedwig Kowert, wie sie als Mädchen hieß, in Osnabrück. Ihre Mutter verstarb, als sie noch Volksschülerin war. Die ältere Schwester absolvierte eine Ausbildung zur Theaterfriseurin, „also musste ich den Haushalt führen und meinen kleinen Bruder versorgen“, sagt die Hundertjährige. „Leider“ habe sie selber keinen Beruf erlernen können. Auch der Bruder starb jung, er fiel im Krieg. „Ich habe viel Trauriges erlebt“, sagt Hedwig Bender. Aber zum Glück nicht nur das.

Mit ihrem Mann, den sie als Student in Marburg kennen gelernt hatte, und den beiden Kindern zog sie u.a. in Richtung Hamburg, nach Wiesbaden und später für acht Jahre in die oberitalienische Stadt Ferrara, deren historischer Kern im Rang eines Weltkulturerbes steht. Die Umzüge waren beruflich bedingt, da Dr. Otmar Bender als Physiker und Chemiker bei großen Industrieunternehmen arbeitete. Die Zeit in Italien, im mittelalterlichen Ambiente, mit Haushaltshilfe, vielen Freunden und zwei anderen deutschen Familien im selben Haus, hat Hedwig Bender bis heute „in bester Erinnerung“.

Der Wechsel ins Ruhrgebiet behagte ihr zunächst weniger, „schmutzig“ erschienen ihr die Duisburger Fabrikanlagen, neuer Arbeitsplatz ihres Mannes. Mittlerweile lebt sie seit fünfeinhalb Jahrzehnten in Mülheim-Dümpten, und dort wird jetzt fröhlich der 100. gefeiert. Mit Rosen, Wein und einem Blech Donauwellen, auf denen „tanti auguri“ stand. „Alles Gute“ auf Italienisch.

Demografischer Wandel - Älteste Mülheimerin ist 109 Jahre

Mülheim trägt schon lange den Titel der ältesten Stadt Nordrhein-Westfalens. „Denn mehr als 30 Prozent der Mülheimer sind über 60 Jahre alt“, bestätigt Stadtsprecher Volker Wiebels. Die älteste Mülheimerin ist im Oktober 1906 geboren mit ihren 109 Jahren nur wenig jünger als die US-Amerikanerin Gertrude Weaver, die nun mit 116 Jahren in Arkansas verstarb.

Der älteste Mann in Mülheim erblickte im November 1913 das Licht der Welt und ist aktuell 102 Jahre alt. Insgesamt leben in der Ruhrstadt 59 Menschen, die älter als 100 Jahre alt sind. „Fünf davon sind Männer, der Rest Frauen“, zählt Wiebels auf.

Viele betagte Mülheimer finden sich in der Altersklasse 90 plus wieder: „198 Bürger sind aktuell 95 Jahre, 542 Personen 90 Jahre alt.“ Auf die steigende Zahl ihrer immer älter werdenden Bewohner hat sich die Stadt schon seit langem eingestellt. Zahlreiche Projekte werden gefördert, etwa das Netzwerk der Generationen, die Seniorenzeitung oder der Seniorenkulturbus. „Eine eigene Arbeitsgemeinschaft befasst sich mit dem Thema demografischer Wandel.“