Familie und andere Katastrophen
04.05.2007 | 21:21 Uhr 2007-05-04T21:21:55+0200Acht Stücke von Autorinnen und Autoren stehen im Mittelpunkt der 32. Mülheimer Theatertage.Der Auftakt am 12. Mai kommt aufgefrischt mit künstlerischem Beitrag daher. Stücke-Fest im Raffelbergpark
DIE STÜCKE 2007Der Mai ist gekommen und mit ihm die "Stücke 2007". Die Mülheimer Theatertage gehen vom 12. Mai bis 2. Juni über die Bühne. Und auf dieses starke Stück deutschsprachiger Gegenwartsdramatik darf man gespannt sein. Was der Jahrgang 06/07 an deutschsprachigen Uraufführungen zwischen Basel, Berlin, Hamburg, München und Wien zu bieten hatte, kam auf den Prüfstand. Das Auswahlgremium hatte diesmal die Qual zwischen 123 Stücken. Für den Wettbewerb nominiert wurden schließlich acht Stücke von Autoren, darunter zwei Frauen. Sie erspielen sich ihre Rolle in dieser Branche erst langsam, denn den insgesamt 31 Autorinnen standen 77 männliche Kollegen gegenüber.
Aber wie immer spielen beim 32. Wettbewerb um den Mülheimer Dramatikerpreis die Autoren und ihre Stücke die Hauptrolle. Dabei darf sich das Stammpublikum des Festivals auf bekannte Gesichter, berühmte Namen, aber auch auf erfrischende Neulinge freuen. Dabei sind u.a. Elfriede Jelinek (Preisträgerin von 2002 und 2004), Lukas Bärfuss (Preisträger von 2005), Armin Petras alias Fritz Kater (2003) und Martin Heckmanns. Ihr Debüt bei den "Stücken" geben die jungen Autoren Dirk Laucke und Darja Stocker. Sie schicken ihre Protagonisten auf die Reise zu sich selbst.
Fernab jener Selbstbespiegelung des Theaterbetriebs standen schon in den letzten Jahren die Themen des Alltags wie Armut, Arbeitslosigkeit und Beziehungskonflikte im Mittelpunkt. Was die diesjährige Auswahl betrifft, wurden drei Schwerpunkte ausgemacht: Dem Thema "Eltern und Kind" widmen sich Lukas Bärfuss mit "Die Probe" in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele (Sonntag, 27. Mai, 19.30 Uhr, Stadthalle). Ein Stück über Familie und Katastrophe, Liebe und Fehler - und einen späten Vaterschaftstest. Auf einen Katastrophentrip begibt sich ein einfacher Malocher, der sein Kind nicht mehr sehen darf, in "alter ford escort dunkelblau" von dem jungen Autor Dirk Laucke. Zu sehen ist die Inszenierung vom Theater Osnabrück am 18. und 21. Mai, 19.30 Uhr, in der Stadthalle.
Von den Konflikten im Kleinen geht's zum weltumspannenden Thema des Terrors. Verstärkt erobern sich politische Stücke die Bühnen zurück. So hat sich Elfriede Jelinek in "Ulrike Maria Stuart" mit Ulrike Meinhof und der RAF ausein-andergesetzt - großflächig in Texten. Mit Nicolas Stemanns Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater wird das Festival am 12. Mai, 19.30 Uhr, in der Stadthalle eröffnet.
Ungehaltene Frauen, die ungehörige Reden halten, schicken Feridum Zaimoglu und Günter Senkel als "Schwarze Jungfrauen" an den Bühnenrand. Dabei geht es um radikale Tendenzen junger Musliminnen in Deutschland. Zu sehen von Hebbel am Ufer, Berlin, am 16. und 17. Mai, 19.30 Uhr, Stadthalle.
"Mala Zementbaum" hat Armin Petras sein Drama überschrieben. Es handelt von der Stasi, Tätern, Opfern, einem Schauspieler als IM und wird vom Gorki-Theater in Berlin am 1. und 2. Juni, 19.30 Uhr, in der Stadthalle gezeigt. Auf ihre bewährte Weise, Experten zu befragen, hat sich das Regie-Kollektiv "Rimini Protokoll" den Bausteinen und Luftblasen des Sozialismus gewidmet: "Karl Marx - das Kapital, erster Band" spielt am 29. Mai, 19.30 Uhr, eine Rolle im Ringlokschuppen.
Ihr Debüt in Mülheim gibt die junge Autorin Darja Stocker, 1983 in Zürich geboren. In "Nachtblind" geht es um ein Mädchen, das sich in den alltäglichen Grauzonen von Gewalt und zerbrochenen Familienstrukturen so ähnlich wie ein Nachtwesen fühlt. Die Suche einer Jugendlichen nach Identität zeigt das Thalia Theater Hamburg am 25. und 26. Mai, 19.30 Uhr, im Theater an der Ruhr.
Die Einsamkeit von Menschen in der Großstadt beschreibt Martin Heckmanns in seinem Stück "Wörter und Körper" - und was passiert, wenn zwischen beiden eine Lücke klafft. Zu sehen vom Schauspiel Stuttgart am 30. Mai, 19.30 Uhr, in der Stadthalle.
Über die Vergabe des mit 15 000 Euro dotierten Dramatikerpreises entscheidet die Jury in öffentlicher Sitzung am 2. Juni, ca. 22.30 Uhr. Daneben gibt es auch wieder den Publikumspreis - ehrenhalber. Nach allen Aufführungen finden Gespräche mit den Autoren und Ensembles statt. Die Moderation übernimmt wieder Gerhard Jörder.
Die Stücke kommen in diesem Jahr mit einigen Neuheiten daher. Aufgefrischt wird die Eröffnung am 12. Mai, 18.30 Uhr im Foyer der Stadthalle. Der Schauspieler Martin Wuttke liest einen Text von René Pollesch. Damit gibt es erstmals einen künstlerischen Beitrag des vorangegangenen Preisträgers zum Auftakt.
Nicht neu, aber im schönen Ambiente des Raffelbergparks wird das Stücke-Fest eine Woche nach Festival-Start am 19. Mai, ab 19 Uhr, im Theater an der Ruhr gefeiert.
Und einiges dürfen die Kulturfreunde auch im Rahmenprogramm erwarten: In Kooperation mit dem Kunstmuseum findet im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung "Facetten der Angst" ein gleichnamiges Symposium vom 18. bis zum 20. Mai im Theater an der Ruhr statt. Dabei ist die deutschsprachige Erstaufführung "20. November" von Lars Norén mit Schauspielerin Anne Tismer zu sehen (18. und 20. Mai, 19.30 Uhr, TAR).
Ein Novum sind die "Kinderstücke" am Wasserbahnhof. Und die sind schon alle ausgebucht. Auch eine Art der Nachwuchssicherung.
Karten bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, auch im WAZ-Leserladen und online www.stuecke.deAuseinandersetzung mit der RAF in TextflächenStücke aus Stoffen wie sie das Leben schreibt

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