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Ringlokschuppen

Exzessives Küssen

12.02.2012 | 16:14 Uhr
Exzessives Küssen

Exzessive Küssen im Ringlokschuppen: Die Steigerung der Kusssituationen mit immer rascher wechselnden Partner stellten eine wohlinszenierte Provokation dar, die allerdings im geschlossenen Rahmen des Theaterraums wenig Provokantes besaß. Und die Romantik ist bei der Performance weit entfernt.

Zwei der sechs Menschen stellen sich in dem hell erleuchteten Raum dicht voreinander und nähern sich zögerlich. Ihre ersten Kuss-Versuche scheitern, aber dann werden die drei Frauen und drei Männer rasch sicherer, inniger, hingebungsvoller, leidenschaftlicher, streicheln Kopf, Gesicht und Rücken.

Sie begegnen sich erst zu zweit: ein Mann, eine Frau. Dann greift der Mann nach dem Mann, die Frau nach der Frau, die Küsse werden länger, die Zeitabstände des Tauschens kürzer. Auch alleine wird mit geschlossenen Augen geübt, die Luft geküsst, sich selbst umarmt oder ein imaginärer Partner gestreichelt.

In dem hellen Theaterraum waren Publikum und Akteure gleichermaßen ausgeleuchtet und für alle sichtbar, nichts wurde verborgen, keiner konnte sich zurückziehen. Es war so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Nur hin und wieder gab es ein Kussschmatzen, leise Streichelgeräusche. Das – nicht sehr zahlreich erschienene – vorwiegend junge Publikum verfolgte die Entwicklung und Steigerung in der Handlung der sprachlosen Kusschoreographie von Verena Billinger und Sebastian Schulz konzentriert und ernst. Mit zunehmendem Kusswechsel-Tempo und skurriler Akrobatik der Sechs entspannten sich die Zuschauer. Auch die Akteure lockerten ihre ernsten Gesichtszüge, lächelten, kamen ins Schwitzen und entledigten sich ihrer Strickjacken, Pullis und Schuhe. Nach einem heiteren Tanz zum schrägen Neue Deutsche Welle-Song „Fred vom Jupiter“,endete die Performance nach 40 Minuten mit viel Applaus.

Wenig Romantisches

Die Steigerung der Kusssituationen mit immer rascher wechselnden Partner stellten eine wohlinszenierte Provokation dar, die allerdings im geschlossenen Rahmen des Theaterraums wenig Provokantes besaß. Im öffentlichen Raum, vor unvorbereitetem Publikum, wäre die Performance sicherlich kontroverser aufgenommen worden. In der Ruhe der Kuss-Betrachtung und ohne Möglichkeit, sich dem intensiven Spiel zu entziehen, fand der Zuschauer Muße, intensiv über das Küssen im Allgemeinen und Speziellen zu reflektieren. Gedanken über Kultur, Toleranz, Leidenschaft, Sex und Intimität, über die Bedeutung des Kusses in unserer Gesellschaft nahm man mit auf den Weg. Die Assoziation eines romantischen Nachmittags schien allerdings weit entfernt.

Cäcilia Tiemann

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