„Es geht doch um Europa“

Griechenland ist weit weg, rund 2600 km liegen zwischen Mülheim und Athen. Und doch ist der Ausgang des Referendums, in dem die Bevölkerung über die Sparpolitik abgestimmt und sich gegen die Vorgaben der EU ausgesprochen hat, durchaus ein Thema an der Ruhr.

„Ich habe es erwartet, dass die Abstimmung so ausfällt. Die Leute haben ganz bewusst Nein gesagt. Dieses Nein kommt aus der Realität heraus. Das kommt aus dem Magen, der gefüttert werden will“, sagt Dimitrios Diamantidis, der 1967 mit zwölf Jahren nach Mülheim kam und heute im Medienhaus arbeitet. Während seiner Mittagspause erzählt der 60-Jährige: „Aufgrund des Votums kann man erkennen, dass auch Griechenland eine rote Linie hat. Jetzt muss es darum gehen, die beiden roten Linien – die der EU und die Griechenlands – überein zu bringen. Beide Seiten müssen abrüsten, es geht doch um das Europa der Völker.“ Von seinem Cousin, der in Griechenland lebt, höre er immer wieder, wie schlecht es den Menschen vor Ort geht, sagt Dimitrios Diamantidis und erzählt: „Mein Cousin kocht und unterstützt damit Leute in seinem Viertel, da kommen vor allem die Alten, deren Renten um bis zu 30 Prozent reduziert worden sind.“ Dimitrios Diamantidis ist mit Blick auf die EU sicher: „Wir müssen nicht zusammen, wir wollen zusammen.“

Auch im Imbiss „Carpe Diem der Grieche am Goetheplatz“ ist das Ergebnis der Volksabstimmung ein Thema. Dessen Betreiber, Georgios Vlachos, sagt: „Tsipras ist der Untergang für Griechenland.“ Vlachos selbst ist in Deutschland geboren, hat aber noch Familie in Griechenland: Vater, Bruder und Schwester leben dort. „Die erzählen nur von Krise und Arbeitslosigkeit.“

Warum die Griechen sich gegen die EU-Sparvorschläge gestellt haben, kann der 47-Jährige nicht nachvollziehen: „Bei anderen Ländern wie Spanien oder Portugal hat das doch auch geholfen. Da kann man nicht erwarten, dass Griechenland eine Extrawurst bekommt.“ Gerne wäre Georgios Vlachos irgendwann im Alter in die Heimat seiner Familie gegangen, denn „das Land ist so schön“, sagt er, aber: „Unter diesen Bedingungen kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen.“

Für überwiegend emotional und weniger rational bestimmt hält Gerhard Frank vom Deutsch-Griechischen-Verein Mülheim das Ergebnis des Referendums. Und er ist überzeugt: „Der Westen hat schon ein bisschen dieses Ergebnis mit zu verantworten, denn das Volk hat an den Stammtischen doch immer einen drauf bekommen.“

Gerhard Frank hält das Nein für keine gute Entscheidung: „Man darf die Tür nie so fest zu schlagen, dass man nicht mehr durchkommt.“ Groll sollte man gegen das griechische Volk nicht hegen, sagt Frank, vielmehr appelliert er, den Tourismus aufrecht zu erhalten: „Wenn wir dorthin fahren, werden uns die Leute nicht spüren lassen, dass wir Deutsche sind.“