Einfach widerlich

Es gibt Tätigkeiten, von denen wissen wir, dass sie jeder tut. Einfach weil sie notwendig sind. Trotzdem möchte man anderen nicht dabei zuschauen müssen, weil es zu intim oder einfach widerlich ist. Nagelschneiden gehört, wie ich finde, ganz eindeutig in diese Kategorie. Aber ich weiß seit diesem Erlebnis, es denken nicht alle so wie ich.

Im Zug sitzt ein junger Mann mir gegenüber und er schneidet seine Nägel. Von schlechtem Gewissen ist bei ihm nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Als ein Stück Daumennagel mir entgegenspringt, lacht er so verschmitzt, als wolle er mir sagen: „Schau, was ich dir mitgebracht habe. Das schenke ich dir.“ Ich jedenfalls bin sprachlos. Erst etwas später, als er beginnt seine Nägel mit einem anderen Gerät zu bearbeiten, fällt es mir ein: „Sie sollten lieber an ihren Manieren feilen.“ Aber er lässt sich nicht beirren und die anderen Fahrgäste um mich herum sind wohl ob dieser Dreistigkeit ebenso sprachlos wie ich. Erst einmal Hände waschen gehen.