Eine sprachlose Generation

Kurz vor Weihnachten passiert es öfter, dass bei der Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt Eltern anrufen und fragen, was sie ihrem Kind schenken sollen. Annelie Brandenberg antwortet dann immer: „Schenken sie ihm Zeit.“ Klingt banal, ist aber gar nicht so einfach. Denn die nötige Ruhe zu finden, um sich einem anderen Menschen widmen zu können, wird für viele immer schwieriger - egal, ob es um das eigenen Kind geht, den Partner oder auch nur um den Austausch mit Freunden. Diese Sprachlosigkeit ist um so erschreckender, als ja eigentlich fortwährend miteinander kommuniziert wird. Nur eben nicht mehr direkt. Statt an einem Tisch zu sitzen und gemeinsam miteinander zu essen, vibriert ständig das Smartphone, um mitzuteilen, das gerade wieder neue Nachrichten via Facebook, WhatsApp oder anderen Sozialen Netzwerken eingetroffen sind. Und die beanspruchen die Aufmerksamkeit, nicht der Mensch gegenüber.

„Wir haben miteinander geschrieben.“ Das ist der Satz, den Barbara Kusch immer hört. Eine Folge des gleichen Problems, nur in diesem Fall nicht bei Erwachsenen, sondern bei den Jugendlichen. Und die machen über das „Schreiben“ im Netzwerk ihre ersten Erfahrungen in einem Bereich, der elementar für das eigene Lebensglück ist: in der Liebe. Kusch ist Leiterin der Awo-Beratungsstelle, die „Partnerschaft und Sexualität“ bearbeitet. Immer öfter sei es so, dass die Jugendlichen Bilder im Kopf haben, die es ihnen erschweren, frei und ohne Druck eigene Erfahrungen zu machen. „Wenn sie 14 werden, sind sie dann ganz nervös. Irgendwo haben sie gehört, dass sie jetzt Geschlechtsverkehr haben dürfen, also meinen sie, dass sie es jetzt auch tun müssen.“

Anfragen von Kindergärten

Was das aber eigentlich bedeute, miteinander zu schlafen - diese Informationen holen sie sich dann aus dem Netz. Im schlimmsten Fall halten sie die Szenen aus Pornofilmen für Realität. Die Folge: Statt zu einer eigenen Sexualität zu finden, wird bloß imitiert. Statt sich näher zu kommen, wird „geschrieben“. Und das, wie Kusch beschreibt, in einer ziemlich durchsexualisierten Sprache. „Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen“, gibt sie zu. Auf diesen besondern Beratungsbedarf reagiert die Awo mit einem umfassenden Angebot für Schulen: an weitereführenden, wie der Luisenschule mit einem Jungenangebot, an Grundschulen – aber auch Kindergärten haben gerade im Hinblick auf das Thema „Internet“ Anfragen gestellt.

Jugendlichen soll durch die Beratung ein Gefühl dafür vermittelt werden, dass es gefährlich sein kann, leichtfertig Fotos ins Netz zu stellen. Vor allem intime Aufnahmen. „Ein Thema ist das sogenannte ,Sexting’. Da geht es darum, dass Nacktfotos ausgetauscht werden“, erläutert Kusch.

Alle diese Beispiele unterstreichen: Die Gesellschaft verändert sich. Entsprechend ändert sich auch die Beratungsarbeit. Eines steht aber auch fest: Diese Entwicklungen betreffen die gesamte Gesellschaft. Und hier sei Mülheim ganz gut aufgestellt, so Barbara Kusch. „Ich kenne keine Stadt mit so vielen Stiftungen, die man für die Finanzierung solcher Projekte gewinnen kann.“