Eine hohe Zierde der Stadt
01.08.2007 | 21:33 Uhr 2007-08-01T21:33:23+0200GESCHICHTE. Vor 100 Jahren wurde die alte Synagoge am Viktoriaplatz eingeweiht. Im November 1938 ging sie in Flammen auf.
Auch weniger religiöse Mülheimer dürften die Petri- und die Marienkirche als zwei Wahrzeichen ihrer Stadt ansehen. Bis zum November 1938 gab es unweit des Kirchenhügels ein drittes Gotteshaus, das der Mülheimer Generalanzeiger anlässlich seiner Einweihnung am 2. August 1907 als "einzigartigen Bau" und als eine "hohe Zierde" unserer Stadt feierte. Die Rede war von der Synagoge, die 31 Jahre später in den Flammen der so genannten Reichspogromnacht untergehen sollte.
"Es ist, als ob sie einander zuwinken, als ob sie einander brüderlich die Hand reichen wollten, auf dass nie wieder die Flammen des Hasses aufzüngeln, dass das Wenige, was uns trennt, fortan übersehen bleibe und die zahlreichen Fäden, die uns verknüpfen, zu einem starken, ewig dauernden Bande des Friedens vereint werden." Mit diesen poetischen Worten hatte Rabbiner Otto Kaiser die gute Nachbarschaft von Kirchen und Synagoge im Herzen Mülheims beschworen, als am 21. September 1905 der Grundstein für das neue jüdische Gotteshaus am Viktoriaplatz gelegt wurde.
Die alte, 1850 an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße errichtete Synagoge war für die damals auf rund 650 Mitglieder angewachsene jüdische Gemeinde zu klein geworden. Als der von den beiden Architekten Joseph Kleesattel und Franz Hagen im neoromanischen Stil entworfene Kuppelbau mit repräsentativer Rosette und einem Rundbogenportal nach gut zweijähriger Bauzeit 1907 vollendet wurde, bot er 550 Gläubigen Platz. Durch fünf Eingänge und einen Wandelgang konnten sie in den Gottedienstraum gelangen, dessen Mittelpunkt der Toraschrein bildete, über dem sich eine Sängerbühne befand. Mit Blick auf die neue Synagoge hatte sich in der jüdischen Gemeinde bereits 1905 ein Chor gegründet.
Der Bau des 35 Meter langen und 20 Meter breiten Gotteshauses, in dessen Mitte ein 15 Meter hohen Turm stand, war für die Gemeinde ein finanzieller Kraftakt, der am Ende rund 300 000 Mark kosten sollte. Dieser Kraftakt war nur durch den Verkauf des alten Synagogengrundstücks, auf dem heute Hotel Noy steht, zu bewältigen. Zwei Tage nach dem Einweihungsgottesdienst, feierte die Gemeinde ihr neues Gotteshaus mit einem weltlichen Fest, das am 4. August 1907 im Kirchholtes-Saal an der Eppinghofer Straße mit allen gefeiert wurde, was in Mülheim Rang und Namen hatte.
Die unmittelbare Nachbarschaft zur 1909 erbauten Sparkasse und zur 1897 eröffnet Post, dokumentierten die gute soziale Einbindung der Gemeinde ebenso wie ihr reges Vereinsleben, das im Gemeindehaus an der Löhstraße 53 sein Zentrum hatte. Im krassen Gegensatz zu dieser gelungenen Integration stand der Hass, mit dem die Nazis nach 1933 auch in Mülheim jüdische Mitbürger verfolgten. Diese Verfolgung führte dazu, dass die Mitgliederzahl bis 1938 auf 340 sank. Ironie der Geschichte: Als ausgerechnet ein Brandmeister der Mülheimer Feuerwehr, der SS-Führer Freter am 9. November den Befehl zum Niederbrennen der Synagoge gab, war diese nicht mehr im Besitz der jüdischen Gemeinde, sondern bereits im Oktober 1938 für 56 000 Reichsmark in den Besitz der damaligen Stadtsparkasse übergegangen.
Weniger Monate nach der Reichspogromnacht wurde das Gotteshaus im Januar 1939 abgerissen. Die durch Verfolgung und Flucht ständig schrumpfende Gemeinde traf sich damals im Gemeindehaus an der Löhstraße. Doch im Juli 1942 wurde auch der letzte geistliche Leiter der Gemeinde, Gutmann Plachschinski und seine Frau Agnes deportiert. Das Gemeindehaus wurde beim alliierten Großangriff auf Mülheim ein Opfer der Bomben.
Pfarrer Gerhard Bennertz beleuchtet die Geschichte der Synagoge am Viktoriaplatz mit einem eintrittsfreien Vortrag, zu dem das Stadtarchiv am 9. August um 19 Uhr in das Foyer des Kunsmuseums einlädt.
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