Eine Frau für jede Tonart

„Dieser hohe Raum mit seinem knarrenden Parkettboden und seinen großen Fenstern, die den Blick ins Grüne eröffnen, inspiriert mich sehr. Hier kann man experimentieren und neue Ideen entwickeln“, sagt Petra Stahringer, während sie in ihrem Proben- und Arbeitsraum in der alten Backstein-Schule an der Kettwiger Straße sitzt. In der Mitte des Raumes steht ein Klavier, an seinem Rand ein Xylophon. Und vor dem Klavier stehen Stühle im Halbkreis. Wo früher Schüler unter dem Dirigat strenger Schulmeister singen mussten, treffen sich unter der Woche abends Menschen, die gemeinsam singen, weil es ihnen Freude macht.

Sie treffen sich nicht in einer privaten Musikschule, sondern in den Musischen Werkstätten des Evangelischen Krankenhauses, die Stahringer seit 25 Jahren leitet.

„Das ist einfach genial!“

„Das ist genial, dass sich ein Krankenhaus Musik und Kultur leistet“, lobt die ausgebildete Musikerin ihren Arbeitgeber. Auch wenn sie weiß, „dass man Schmerzen nicht wegsingen kann“, erfährt sie bei ihrer musischen Arbeit im größten Mülheimer Medizinbetrieb jeden Tag aufs neue, „dass Musik und Gesang verbinden und Menschen eine positive Körperwahrnehmung verschaffen können“. Eine Patientin hat ihr einmal gesagt: „Wenn ich mit Ihnen singe, hat der Schmerz keinen Platz mehr.“

Die Kantorin des Evangelischen Krankenhauses, die am Samstagabend die Gottesdienste in der Krankenhaus-Kapelle musikalisch begleitet, arbeitet aber nicht nur mit Schmerzpatienten. Zusammen mit anderen Musikern gibt sie im Café Auszeit kleine Konzerte, die Krebs-Patienten und ihre Angehörigen mit Musik „aus ihrem belasteten Alltag herausholen“.

Auch Mitarbeiter des Krankenhauses oder musik- und gesangsinteressierte Mülheimer, die sich einfach irgendwann haben mitbringen lassen, springen gerne in Stahringers Singing Pool oder kommen dienstags zur Probe ihrer Chorgemeinschaft. Im Singing Pool singen Menschen aller Generationen gemeinsam aus reinem Spaß an der Freud. Sie kommen und gehen, wann es ihre Zeit erlaubt. Gesungen wird, was gefällt. Die Chorgemeinschaft singt mit gleicher Freude, aber auch mit dem festen Proben-Ziel, zum Beispiel regelmäßig an der musikalischen Gottesdienstgestaltung im Krankenhaus mitzuwirken. Zuletzt stand ein Gospelworkshop auf dem Programm, an dem auch ein Chor aus der Styrumer Kirchengemeinde St. Mariae Rosenkranz teilnahm.

„Ich war so müde, aber jetzt habe ich hier Energie getankt und fühle mich wieder frisch.“ Solche Sätze hört Stahringer nach dem Singing Pool oder nach der Chorprobe immer wieder. Das überrascht sie nicht. „Das Singen bringt uns in Schwung und macht unseren Körper zum Resonanzraum. Denn der Klang unserer Stimme, die ein echtes Schatzkästchen ist, wirkt harmonisierend und sortiert Atem und Puls. So kommen Körper und Seele wieder in die richtige Balance“, erklärt die Musikerin.

Schon während ihres Studiums hat sie sich auf Chorarbeit spezialisiert, weil sie schon damals gemerkt hat, „dass der Gesang Menschen verbinden und beflügeln kann.“

Gesang als gemeinschaftsstiftendes Instrument? „Schon unsere Vorfahren wussten das genau und auch heute kann man es im Alltag erleben“, sagt Stahringer. Sie denkt dabei nicht nur an Stammesgesänge, Volkslieder oder Nationalhymnen, sondern auch an die Gesänge der Fußballfans im Stadion. „Wer gemeinsam singt, wird süchtig danach, weil er in etwas Größeres hineingenommen und von der Gemeinschaft getragen wird“, beschreibt Stahringer die Kraftquelle des Gesangs.

Aber auch wenn Stahringer mit Musikerkollegen oder musikalischen Mitarbeitern die Treppenhäuser der Klinik und der Backsteinschule oder das Foyer der Augenklinik zum Kammermusiksaal macht, stellt sie immer wieder fest, „dass auch Patienten, die keine klassischen Konzertbesucher sind, vorbeikommen und bleiben.“ Und manchmal sind es sogar Schwerstkranke oder Sterbende, die durch die Musik, die sie durch die geöffnete Zimmertür vom Gang her oder auch beim Gottesdienst hören, plötzlich ganz ruhig und friedlich werden. „Dann merke ich, dass wir als Menschen eben nicht nur Körper, sondern auch Seele sind“, sagt Petra Stahringer.