Eine Fahrt zu den eigenen Wurzeln

Schon seit einigen Jahren gibt es am Theater zwei Trends: einmal, dass die Autoren für ihre Stücke wie Journalisten recherchieren und außerdem, dass sie die Rollen statt mit Schauspielern mit mehr oder weniger Laien als Experten des Alltags besetzen. „Common Ground“ von Yael Ronen & Company scheint beide Trends zu vereinen. Bei Rechercheprojekten sind viele Kritiker skeptisch, denn sie versprechen weder großartige Kunst noch spannenden Journalismus. Doch bei Common Ground sei das anders, wie Spiegel-Journalist Tobias Becker vom Auswahlgremium schon bei der Programmpräsentation schwärmte. Das Ergebnis sei roh und direkt, mit schwarzem Humor und derben Späßen, mit Tränen. Kurz: mit einer Dringlichkeit, die keinen kalt lässt.“

DAS STÜCK

Sieben Schauspieler sind zu einer Reise ins ehemalige Jugoslawien gestartet, die gleichzeitig eine Reise in ihre Kindheit und Jugend ist, als der Staat auseinanderbrach und der Bürgerkrieg tobte. Sie erkunden ihre gemeinsame Basis. Fünf Schauspieler stammen tatsächlich aus dem Vielvölkerstaat, doch was Realität und was Fiktion ist, bleibt unscharf. Kann es tatsächlich sein, dass auf der Bühne die Tochter eines Opfers eines Massakers in Ostbosnien auf die Tochter des Schinders ihres Vaters trifft. Die beiden Frauen wechseln zudem zwischen den Rollen. Außerdem gehören noch eine Israelin, die nur Englisch spricht, und ein Deutscher zum Team. Sie wenden sich direkt ans Publikum. Eine Illusion wie sie früher das Theater erzeugte, kann so gar nicht erst entstehen. „Ich habe mir vor den Proben ein bisschen Sorgen gemacht, aber der Prozess, den wir mit diesen Leuten durchgemacht haben, war wirklich eine positive Überraschung“, sagt Niels. Dann beginnt eine Zeitreise, in der sich Ereignisse aus Politik, Pop und Persönlichem abwechseln. Bill Clinton wird zum Präsidenten gewählt, Orit Nahmias zur Klassensprecherin, Basic Instincts kommt ins Kino und die Belagerung von Sarajevo beginnt.

Dann gehts unter die Haut. Wie begegnet man dem Kind eines Kriegsverbrechers, wenn der eigene Vater Opfer wurde? „Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass sie nichts dafür kann, aber ich eile nach Hause“. Später im Bett: „Ich sehe sie und erkenne Teile von mir. Wir sind beide durch den Krieg vaterlos geworden, wir sind vertraut verlorene Schwestern.“ Später treffen sie eine Frau, die sich für Opfer von Vergewaltigungen einsetzt. Ihre Erzählungen erscheinen Dejan zu professionell. „Wie viele Erinnerungen sind wahr und wie viel hat das Gedächtnis verändert, verdreht oder hinzugefügt.“ Er schämt sich für diese Gedanken. Immer wieder sind solche Zweifel eingestreut. Aleks hat Schuldgefühle: „Meine Familie wird zerbombt und ich schmeiße mein Geld zum Fenster raus..“

DIE AUTORIN
Die 1976 in Jerusalem geborene Autorin und Regisseurin stammt aus einer Theaterfamilie. Ihr Vater Ilan Ronen leitet seit 2004 das israelische Nationaltheater, ihre Mutter ist Schauspielerin und ihr jüngerer Bruder Michael Regisseur und Schauspieler. Ihr Großvater gehörte zur Gründergeneration des Staates Israel, war überzeugter Zionist und musste aus Wien vor den Nationalsozialisten fliehen.

Yael Ronen hat in Tel Aviv und New York studiert und ist Hausregisseurin am Maxim Gorki, seitdem dort Shermin Langhoff die Intendanz übernommen hat. Langhoff hat den Begriff des postmigrantischen Theaters geprägt, das sie zunächst am Ballhaus Naunynstraße umsetzte. Das Stück „Verrücktes Blut“ sorgte dort für Furore und war 2001 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert und erhielt den Publikumspreis. Ronen erarbeitet ihre Stücke im Probenprozess mit den Schauspielern und ist ihre eigene Regisseurin. Sie arbeitet auch für das Schauspielhaus in Graz und hat schon mehrere Preise erhalten, unter anderem den Nestroypreis, für den sie mit „Common Ground“ auch wieder nominiert ist. Das Stück ist auch in Berlin beim Theatertreffen zu sehen.

DIE STÄRKEN

Ronens Theater wisse es nie besser, lobt Nachtkritik. „Immer wieder befragt es die eigene Perspektive, stößt sich und uns auf unsere eigenen Widersprüche, ohne dabei mit irgendeiner ‘richtigen’ Haltung vor unserer Nase umherzuwedeln.“

DIE SCHWÄCHEN
Auf das eine oder andere Mätzchen könnte man getrost verzichten.


Promifaktor
Mit Yael Ronen ist ein spannendes Publikumsgespräch zu erwarten.


UNTERHALTUNGSPOTENZIAL

Es gibt auch immer humorvolle Szenen, die manchmal etwas albern wirken, aber auch solche, die tiefschwarz oder zynisch sind.


FESTIVALBAROMETER

Wäre der Geheimtipp. Mit der Berufung von Michael Börgerding in die Jury sind aber wieder die Chancen für Jelinek gestiegen. Börgerding ist Intendant am Goethetheater in Bremen, wo die „Schutzbefohlenen“ ebenfalls auf dem Spielplan stehen.


DER TERMIN

31. Mai, 19.30 Uhr, Stadthalle. Karten im NRZ-Ticket-Shop, Eppinghofer Straße 1-3: Preise zwischen 24 und 37 Euro. Ermäßigungen für Schüler, Studenten und Schwerbehinderte.