Ein Traum vom schönen Wohnen

Welcher Raum würde sich für eine Ausstellung herausragender Gebäude besser eignen als die Alte Dreherei, die einst Bestandteil des Eisenbahnausbesserungswerkes war? Schließlich ist die 1874 errichtete und denkmalgeschützte Halle selbst ein Beispiel für gutes Bauen. Mit große Engagement, knappen finanziellen Mitteln und viel Leidenschaft zum Detail ist sie von den ehrenamtlichen Helfern, die sie vor dem ansonsten unausweichlichen Abriss bewahrt haben, in den vergangenen Jahren instandgesetzt worden. Dabei wurde auch das spektakuläre Holzständerwerk, das die kathedralenartige Halle so einzigartig macht, gesichert.

Wenn der Bund Deutscher Architekten (BDA) am 6. März die Sieger des Wettbewerbs guter Bauten prämiert, nimmt die Jugendstilhalle quasi außer Konkurrenz teil. Sich ein Bild vom Stand der Sanierungsarbeiten zu machen, lohnt schon alleine den Weg. Aber bis zum 14. März werden dort auch auf großen Tafeln die Fotos und Erläuterungen der acht Gebäude präsentiert, die an diesem Wettbewerb teilgenommen haben - darunter sechs Wohnhäuser, ein Industriegebäude und ein Sakralbau. Die NRZ stellt sie nun vor. In einer viereinhalbstündigen Sitzung hat eine fünfköpfige Jury bereits entschieden.

Architektur umgibt uns im Alltag, jeder hat zu Häusern in seinem Umfeld eine Meinung, aber ist Architektur reine Geschmackssache oder gibt es objektive Kriterien, um gutes Bauen beurteilen zu können? Die gibt es, sie auf den Punkt zu bringen, ist aber selbst für den Jury-Vorsitzenden, den Bochumer Architekten Dirk Godau, nicht einfach. Manchmal ist es leichter zu begründen, warum etwas nicht gelungen ist. Spontan hatte eines der Jury-Mitglieder gesagt, dass es keinen der eingereichten Beiträge für preiswürdig halte. Im Gespräch entwickelten die Juroren dann doch Bewertungsmaßstäbe. Mit unterschiedlichen Typen und verschiedenen Vorstellungen sei das ein spannender Prozess gewesen.

Die Proportionen spielen eine Rolle, das menschliche Maß, die Materialien. Aber die ästethischen Qualitäten sind für Godau, der an der Ruhr-Universität einen Lehrauftrag für nachhaltiges Bauen hat, nur ein Kriterium. Es geht auch um ökologische, wirtschaftliche, soziale und technische Aspekte, um neue Baustoffe, die neue Möglichkeiten eröffnen. Und schließlich geht es auch um Funktionalität, den passenden Zuschnitt der Wohnung. „Was als schön erlebt wird, ist abhängig von den Sehgewohnheiten und die ändern sich“, sagt der 45-Jährige. Und manchmal kann die Qualität gerade darin bestehen, mit diesen Gewohnheiten zu brechen. Architektur wird somit auch zum Spiegel seiner Zeit. Bauen entsteht immer im Dialog zwischen dem Bauherrn und dem Planer. Es wäre spannend zu zeigen, welchen Einfluss die Wünsche der Bauherrn auf die Bauplanung haben - zum Guten führen diese jedenfalls nicht in jedem Fall.

Vor einigen Jahren war der elegante, weiße Kubus en vogue. Kühl und sachlich wirkte das. Manchmal wurde diese Form so überstrapaziert, dass einige Architekten über den „Würfelzucker“ spotteten, der über das Baugebiet gestreut wurde. Die Fenster waren manchmal so schmal wie Schießscharten. Der Trend ist mit Verspätung in Mülheim angekommen. „Inzwischen ist der Neo-Klassizismus modern mit Säulen und Kapitellen “, sagt Godau. Gegen eine persönliche Note hat er nichts. Da darf es ruhig auch etwas verspielt werden, ohne damit in eine Ornament-Diskussion einzusteigen. Es gibt dann auch immer den Trend zur Größe. Das führte in der Jury bei einem Gebäude mit überdimensionalem Eingang zu einer hitzigen Diskussion. Der Rest des Gebäudes war dagegen sehr überzeugend. Schon seit Jahren sei es üblich, Türen bei Mehrfamilienhäusern deutlich größer zu bauen. Waren sie vor einigen Jahren gut zwei Meter hoch, sind inzwischen drei Meter keine Seltenheit mehr.

„Ein Gebäude ist gelungen, wenn es sich in der Umgebung benimmt“, sagt er. Eine Straße ist für ihn so etwas wie eine Tischgesellschaft. „Da sollte auch nicht jeder machen, was er will.“ Auffallen um jeden Preis ist keine Qualität. Da stellt er die Frage: Muss das sein? Die Gebäude müssen sich zurücknehmen und gemeinsam als Ensemble überzeugen. Aber es ist schon ein Trend aufzutrumpfen, zu protzen. Das spiegelt sich auch in einigen Wettbewerbsbeiträgen wider. Aber selbst eine monotone Fassade kann ihren Reiz haben und muss nicht langweilig sein, wenn sie eine interessante Struktur hat.

Aber ist denn gutes Bauen eine Frage des Geldes? Keineswegs, da wird Godau entschieden. „Man kann auch gute Musik auf einem schlechten Instrument spielen“, sagt er. Dann sind kreative Lösungen gefragt, muss man sich an der richtigen Stelle begrenzen. Darin kann durchaus ein Reiz liegen.