Ein Stückchen Seniorenparadies
15.10.2007 | 20:29 Uhr 2007-10-15T20:29:15+0200BÜRGERBAROMETER. Im Heißener Viertel Heimaterde leben Jung und Alt in Solidarität. Doch nicht alles ist so rosig.
"Ich wohne hier seit meiner Geburt", sagt Ilse H. und strahlt dabei. Kein Zweifel, die 61-Jährige fühlt sich wohl. Warum, wird klar, wenn man hört, was sich hinter dem "hier" verbirgt. Die Rede ist von der Heimaterde, also jenem Stadtviertel in Heißen, dessen Name nicht eine bloße Ortsbezeichnung ist, sondern in Wirklichkeit ein ganzes Programm beinhaltet. Wer in der Heimaterde lebt, dem ist diese Heimat auch wirklich wichtig. So beschreibt es auch Ilse H.: "Hier kennt jeder jeden. Und man hilft sich gegenseitig. Wenn mal jemand nicht kann, kauft ein anderer für ihn mit ein. Oder wenn ich einen Kuchen backe, bringe ich immer auch ein paar Stücke rüber", berichtet sie. Kaum nötig zu erwähnen, dass es Ilses Nachbarn im umgekehrten Fall selbstverständlich genauso halten. "Schön ist auch, dass hier nicht nur Alte leben, sondern junge Familien mit Kindern hingezogen sind." Und auch Ilses Mann Klaus, 66 Jahre alt, meint: "Noch bin ich nicht alt genug, um nur von Alten umgeben zu sein." Ist Heimaterde also das perfekte Seniorenparadies? Ilse findet zum Teil schon: "Hier in der Heimaterde fühle ich mich mitten im Leben. Hier ist vieles positiv, von dem sich auch die ganze Stadt etwas abgucken müsste", erklärt sie. Und in der Tat, auch das NRZ-Bürgerbarometer bestätigt, dass den Menschen wichtig ist, im Alter nicht das Gefühl zu haben, außen vor zu sein. So hoffen viele darauf, im Alter in ihrer Familie aufgenommen und dort gepflegt zu werden.
Aber trotzdem ist die Situation hier doch nicht ganz so harmonisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Ursprünglich war die Heimaterde mal eine Siedlung für Kruppianer. 2004 verkaufte aber die Immobilientochter von Thyssen-Krupp die Werkswohnungen an Immeo. Seither setzt das Unternehmen die Einzelprivatisierung fort (die NRZ berichtete.) Die größte Angst für die alten Mieter: Die neuen Vermieter erhöhen die Mieten so stark, dass sie schließlich raus müssen. Raus aus Wohnungen, in denen sie oft schon seit Jahrzehnten leben. "Ich habe in den letzten 27 Jahren hier vieles selbst renoviert", erzählt Klaus. Und seinem Blick merkt man an, dass es ihm hier nicht nur um das Geld geht, das er investiert hat. Es sind Gefühle, die das Paar in seine Wohnung gesteckt hat. Sie ist ihnen in der Tat zur Heimat geworden. Sie haben Angst, dass ein Zeitpunkt eintreten könnte, an dem sie sie verlassen müssten. Doch noch ist es nicht so weit. Aber trotzdem ist es wichtig, sich auf Alternativen vorzubereiten. "Wir sind Mitglied in der Mülheimer Wohnungsbaugesellschaft geworden", erzählt Ilse. Diese Gesellschaft will Altenwohnungen in Heimaterde bauen.
Eine Alternative? "Ich merke jetzt schon, dass es schwieriger wird, im Garten zu arbeiten, weil mir dann mein Rücken weh tut", sagt Klaus. "Solche Probleme hätten wir in einer Altenwohnung nicht." Doch Ilse ist weiterhin skeptisch: "Irgendwie habe ich die Vorstellung, dass da alles eher nach Heim aussieht. Ich will nicht das Gefühl haben: Das ist jetzt deine letzte Station." So betont sie auch: "Noch ist die Situation nicht eingetreten. Ich bin Optimist." Dabei lächelt sie und es wird klar, dass sie Optimismus für ein typische Tugend in der Heimaterde hält.

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