Ein starkes Frauen-Quartett

Um Lacher gehe es ihm nicht, davon wünschte er sich zuweilen sogar weniger, versicherte Autor Wolfram Lotz beim Publikumsgespräch im Kammermusiksaal und fügte hinzu. „Mir ist es komplett ernst.“ Humor oder besser die Pointe hat aber auch in „Die lächerliche Finsternis“ ihre Funktion und fördert die Erkenntnis. Mit dem Regisseur Dušan David Pařízek und dem fabelhaften Wiener Frauen-Quartett fand dieser herausragende Text auch eine kongeniale Umsetzung.

Das wird schon deutlich im Prolog des somalischen Piraten, der sich vor einem Hamburger Gericht verantworten muss. Den Prozess hat es tatsächlich gegeben, bei dem sieben Seeräuber zu mehrjährigen Gefängnisstrafen und drei Heranwachsende zu jeweils zweijährigen Jugendstrafen verurteilt wurden. Lotz imaginiert nun für seinen fiktiven Piraten eine Verteidigungsrede, in der sich dieser für seine Tat rechtfertigt.

Lotz verkehrt darin die gängigen Klischees ins Gegenteil. Dieser Angeklagte, der sich als schwarzer Neger aus Somalia vorstellt, ist hochgebildet und schlägt daher vor, der Einfachheit halber auf Deutsch zu sprechen. Der lange Monolog ist komisch und traurig zugleich, denn die Person und ihr Schicksal kommen dem Publikum ganz Nahe. Überfischung, Armut, Chancenlosigkeit das sind Stichworte, die auf einen Resonanzboden fallen, auch wenn wir keine konkrete Vorstellung vom Leben eines somalischen Fischers haben. Das uns das Nahe geht, liegt auch an der grandiosen Stefanie Reinsperger, die beim Spiel alle Register zieht, blitzschnell die Spielsituationen wechseln kann und diesem Piraten eine Eindringlichkeit verleiht, die wohl auch die Richter von einem Freispruch überzeugt hätten. Die 27-järhige Frau im Jogging-Anzug spricht den Text im breiten Wienerisch. Als Kind sei „ihm“ seine Zukunft völlig „blunzn“ gewesen, sagt sie. Das ist ein Ausdruck für Blutwurst, meint also gleichgültig.

Zwei Schlüsselgedanken fallen in der optionalen Pause, als die Schauspieler ganz buchstäblich Kleinholz aus dem Bühnenbild machen und in Endlosschleife „The Lion sleeps tonight“ singen. Mit zwei Tagebucheinträgen meldet sich hier der Autor. „Das Gefühl ist ja immer wieder da, dass ich über die Dinge nicht schreiben kann, weil ich sie nicht kenne.“ Das rührt an den Grundfesten des bürgerlichen Theaters, das immer behauptet, etwas zu repräsentieren. Dann ist da noch die Kritik seiner Mutter, die das Fehlen weiblicher Rollen beklagt: zwei Steilvorlagen für das Publikumsgespräch.

Wichtig ist es allen, dass es hier um eine veränderbare Welt geht. Das wird auch deutlich durch eine Textergänzung, die zu einer gelungenen Abrundung führt. Am Ende des Stück, das in Anlehnung an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und Coppolas „Apocalypse Now“ die Suche nach einem irre gewordenen Bundeswehrsoldaten erzählt, kommt Tofdau, der ums Leben gekommene Freund des Piraten aus dem Prolog, noch einmal ins Spiel. „Ich habe ein Recht darauf, hier vorzukommen“, sagt er. „Wer hört mich denn sonst?“ Es ist erneut Reinsperger und sie spricht einige Auszüge aus Lotzens Rede „Zum unmöglichen Theater“. „Warum sollten wir hinnehmen, dass die Wirklichkeit über die Bedingungen unseres Lebens entscheidet?“ Lotz stellt einfach alles infrage. Die Fiktion müsse die Wirklichkeit verändern. Aber man solle bloß nicht damit rechnen, dass die Wirklichkeit je vollkommen sei. Das ist eine klare Absage an jede Ideologie.

PUBLIKUMSREAKTION
Begeisterter Applaus

WETTBWERBSBAROMTER
Starker Einstieg. Das muss man erst mal toppen.

DER NÄCHSTE TERMIN
Heute und morgen, 19.30 Uhr, Studiobühne in der Stadthalle (mit anderen Stühlen als im Vorjahr): Felicia Zeller: Wunsch und Wunder. Karten 24 Euro

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