Ein Sittenbild des Bio-Biedermeier

Etwas verloren steht Gerhard Jörder im Kammermusiksaal. Das Programmheft der Stücke unterm Arm, blickt der inzwischen 71-jährige Theaterkritiker aufs Podium, wo zum Publikumsgespräch zu Rebekka Kricheldorfs „Homo Empathicus“ die Namenschilder von Schauspielern, Dramaturgen, Regisseur und der Autorin aufgestellt sind. Ganz rechts steht auch das des Moderators. Elf Jahre lang war das Jörders Schild, war er doch bis 2013 beim Stücke-Festival das Gesicht des Publikumsgesprächs. Jetzt ist er das erste Mal zum Festival zurück gekommen und weiß einen Moment nicht so recht, wo er sich hinsetzen soll. Vier Stücke des diesjährigen Jahrgangs hat er schon beim Berliner Theatertreffen gesehen und er versucht, zur Schlussdebatte am 4. Juni zu kommen, schließlich bedeutet ihm das Festival viel. Zu oft und zu viele Überschneidungen der Festivals dürfe es freilich nicht geben, da sonst Mülheim als späteres Festival darunter litte.

Wie unter einem Mikroskop

Auf dem Moderatorenplatz hat inzwischen Michael Laages Platz genommen. Auch er ein erfahrener Theatermann mit Stücke-Background, der als Moderator, Journalist und Dramaturg gearbeitet hat. Der 58-Jährige teilt sich den Part in diesem Jahr mit Christoph Leibold, der die erste Festivalhälfte moderierte. Die Aufführung von Kricheldorfs Auftragswerk ist durchaus etwas Außergewöhnliches, bringt sie doch das komplette 26-köpfige Göttinger Ensemble auf die Bühne, das zum Start der Intendanz von Erich Sidler zur Hälfte durch sehr junge Schauspieler ausgewechselt wurde. Die Großproduktion begeistert die Schauspieler, denn sie ermöglichte es ihnen und dem Ensemble, sehr schnell miteinander vertraut zu werden. „Da es eine sehr körperbetonte Arbeit war, haben wir in kürzester Zeit alle Hemmungen verloren. Das war sehr kostbar“, stellt Schauspielerin Andrea Strube fest. In einem so großen Ensemble könne es sonst manchmal mehrere Spielzeiten dauern, bis man mit allen Kollegen einmal auf der Bühne gestanden und sie kennengelernt habe. Aber es geht ja nicht nur um gruppendynamische Spielchen zum Kennenlernen. In der Inszenierung gehören die Massenszenen zu den eindrucksvollsten, in denen lustvolles Rumtollen in militärischen Drill umschlägt. Einmal wird die von oben gedrehte Szene gegen einen heruntergelassenen durchschimmernden Vorhang projiziert. Da wirkte die Gesellschaft plötzlich wie wimmelnde Teilchen unter einem Mikroskop.

Einen experimentellen Charakter hat das Stück auch für die zum wiederholten Mal zu den Stücken eingeladene Kricheldorf: Ein Stück zu schreiben, das ohne Konflikt auskommt, in dem sich jede kritische Situation in Wohlgefallen auflöst. Es ist ein zugespitztes Sittenbild aus dem Bio-Biedermeier.

Beim Publikum stößt der Abend auf ein geteiltes Echo. Zwar wird einhellig die Formulierungslust und die Ideenvielfalt der 40-jährigen Autorin gelobt, werden aber auch eine gewisse Vorhersehbarkeit und ermüdende Wiederholungen bemängelt. So wie sie die potenziellen Streitfälle aus dem Alltag durchdekliniere, ist es eine Variation des selben Musters.

„Das habe ich in Kauf genommen“, erwiderte Kricheldorf, ihr sei es auf diesen Versuch angekommen. Sie lehnt diese übertriebene Achtsamkeit auch gar nicht kategorisch ab, sondern sieht darin auch erstrebenswerte Momente. So habe es auch keine Situation gegeben, an dem ihr wegen der zunehmenden politischen Korrektheit der Kragen geplatzt sei, antwortet sie Laages. „Der Verzicht auf das Risiko mindert die Lust aufs Leben“, findet er.

Aber sie sieht natürlich schon absurde Auswüchse. Als sie davon hörte, dass es an der Uni in Leipzig als Titel nur noch die weibliche Form geben sollte, sei sie in schallendes Gelächter ausgebrochen. In ihrem Stück wählt sie das Neutrum. Der Klomann heißt ein Hygienespezialisiertes, auch der Friedhof wird positiv umgedeutet: er hat seine letzte, edle Aufgabe gefunden, anderen, kleineren Lebewesen als Nahrungsgrundlage zu dienen. Selbst bei der Zurückweisung bei offensichtlichen Annäherungsversuchen herrscht Unterwürfigkeit: „Meine Verweigerung ist so niederträchtig“. Und Eifersucht hat ebenso wenig einen Platz wie ein Kraftausdruck.

Erich Sidler dürfte diese grenzenlose Harmonie auch etwas suspekt gewesen sein, denn so ganz in sich ruhend, wie es den Anschein hat, sind die Personen nicht. Man sieht ihren Gesten an, dass es ihnen schwer fällt, die Contenance zu wahren. Der Bewegungsdrang erscheint wie eine Triebsublimierung und wenn die Personen über den Bühnenboden kullern, erinnert das an eine Unterwerfungsgeste eines Hundes. Und Chris, der von seinen empathischen Freunden zu Doktor Osho (eine Anspielung auf Bhagwan) geschickt wird, der alles weg-spricht, schreit er seine Aggression heraus und packt voller Wut das herzförmige Sitzkissen, das wie die ganze Bühne in trendigem Grün gehalten ist. Vollends demaskiert wird die harmonische Gesellschaft, als sie am Ende fast Adam & Eva gelyncht hätten - die als Zerrbild der amoralischen Menschen auftreten und sich dann als harmlose Schauspieler erweisen.


FESTIVALBAROMETER
Der wohlwollende Applaus lässt erahnen, auch für die Zuschauer ist das nicht der Favorit. Morgen: Comon Ground, Stadthalle, 19.30 Uhr