Ein neues Gesicht - ein neues Leben
05.01.2010 | 06:00 Uhr 2010-01-05T06:00:00+0100Der Mülheimer Arzt Dr. Jürgen Toennissen reist seit 23 Jahren in Entwicklungsländer und operiert dort entstellte Menschen.
Ein Blick sagt mehr als tausend Worte: Doch was, wenn ein entstelltes Gesicht oder ein verbrannter Körper Grund dafür sind, dass Menschen sich abwenden? Dr. Jürgen Toennissen aus Mülheim wendet sich nicht ab, er hilft. Mit dem Verein Interplast-Germany reist er in Entwicklungsländer und operiert Kinder und Erwachsene.
Ein Team aus sieben Chirurgen, Narkoseärzten und Schwestern begleitet den 70-jährigen Arzt in wenigen Tagen zu seinem 25. Einsatz nach Indien. Die freiwilligen Helfer melden sich deutschlandweit und nutzen ihren Urlaub oder Ruhestand. „Jegliche Materialien und Instrumente müssen mitgenommen werden, da es vor Ort wenig bis keine ausreichende Ausstattung gibt”, sagt Toennissen. Was manchen überrascht, ist für ihn zur Routine und Selbstverständlichkeit geworden.
Improvisieren ist das Schönste
Mit 200 Kilogramm Gepäck besucht Toennissen seit 1987 Länder wie Indonesien, Madagaskar oder Guatemala. In den örtlichen Krankenhäusern wird gerne mal die Stehleuchte zur OP-Lampe umfunktioniert, werden zwei Patienten in ein Bett gelegt. „Das Improvisieren ist dennoch das Schönste an meinem Beruf.”
Das Improvisieren nimmt jedoch dann ein Ende, wenn 500 Menschen, teilweise ein bis zwei Tage anreisen, um sich von dem deutschen Spezialisten untersuchen zu lassen. „Die 14 Tage vor Ort ermöglichen uns 50 bis 60 OP's. Viele Menschen müssen wir aber nach Hause schicken.” Abwägen, bei wem es sich noch lohnt und bei wem nicht, ist schwierig: „Ich denke mir immer: Ich kann nicht allen helfen, aber ich tu was möglich ist”, resümiert der 70-Jährige.
Wenn Toennissen von entstellten Patienten spricht, erschreckt man vor den Bildern in seinem Album: Offener Gaumen, vernarbte Körper, verstümmelte Glieder. Ursachen sind Kerosinexplosionen, Kriegsverletzungen oder physische Gewalt. „Das Schlimmste sind Frauen, die von ihren Männern mit Kerosin überschüttet und angesteckt werden.” Sei die Mitgift der Ehefrau aufgebraucht, erklärt Toennissen, suche sich der Mann eine Neue. In solchen Momenten, muss sich der ehemalige Chefarzt eingestehen, „weiß auch ich nicht mehr, wie ich helfen soll.”
Einsatz in Namibia
Viele Erlebnisse und Eindrücke haben Toennissen in 49 Jahren ärztlicher Laufbahn begleitet. Doch ein Ereigniss wird er nie vergessen: „Auf einem Einsatz in Namibia hat mir eine Kollegin während einer OP mit einer benutzten Nadel in die Hand gestochen. Nach einem negativen Bluttest konnte ich wieder aufatmen.”
Trotz unangenehmer Erlebnisse, mitgebrachter Krankheiten und verkürzter Familienurlaube denkt der Familienvater noch lange nicht ans Aufhören. In seinem neuen Projekt errichtet er eine Verbranntenstation in der Kleinstadt Robertsganj, Indien. „Dort gibt es mitunter die meisten Verbrennungsopfer, doch viel zu wenig Versorgung.” Einheimische Ärzte und Schwestern werden in Deutschland ausgebildet und sollen mit neuem Wissen die Patienten behandeln. „Wichtig ist, dass sich die Mediziner für fünf Jahre verpflichten, da viele Ärzte, die wir vor Ort gelehrt haben, mit neuem Wissen in Großstädte auswandern, des Geldes wegen”, erklärt der pensionierte Arzt, „so können wir sicher sein, dass die Hilfe ankommt.”
Hilfe geben, ist für Toennissen zur Lebensaufgabe geworden. „Ich sehe es als großes Glück an in Deutschland geboren zu sein und eine gute Ausbildung abgeschlossen zu haben.” Bescheidenheit versucht er nicht nur seinen vier Kindern vorzuleben: „Ich bin zufrieden mit meinem Leben und versuche einfach nur ein Stück abzugeben.”
Weitere Informationen: www.interplast-germany.de

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